Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Verzweiflung und Besinnung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104596--3393-3104616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Verzweiflung und Besinnung 291 volutionen und geistigen Bewegungen geendet haben: in der Brutalität einer neuen Autokratie, in der Gewaltherrschaft der zur Macht Aufgestiegenen, in dem jedes Menschentum vergewaltigenden Zwange rücksichtslosester Unterordnung, geistiger, sozialer und politischer Bevormundung oder in einem das Menschliche ebenso vernichtenden Chaos, in Auflösung und Zerfall. Wo gibt es eine -revolutionäre Kraft, die nicht wie die des russischen Volkes schon nach wenigen Monaten erschlafft, verfällt und abstirbt, sondern die stark genug wäre, ein Volk ganz und für immer zu verwandeln? Was haben wir noch für die Menschheit zu erhoffen, wenn der Erfolg der französischen Revolution ein Jahrhundert des Imperialismus, zahllose Unterdrückungs- und Gewaltkriege und als Schlußakt der fassungslose Wahnsinn des Weltkrieges ist? Auf welche Revolution bleibt uns noch zu hoffen übrig, wenn von den zwei revolutionären Erhebungen dieses Jahrhunderts, welche einzig die Bezeichnung Revolution verdienen, die eine, aus dem Jahre 1848, nur dem geistigen und wirtschaftlichen Liberalismus und seinem hemmungslosen Individualismus die Bahn freimachte, die andere aber, die russische, nach Beseitigung des Zarentums und seines Absolutismus nur einen neuen Absolutismus und Zarismus aufgerichtet .hat, den bolschewistischen? Es gibt keine Hoffnung mehr. Der Sozialismus? Wo gibt es den noch, wenn man darunter weder den Sozialpatriotismus in Verbindung mit rein wirtschaftlichen, höchstens auf die Revolutionierung der Löhne, nicht der Gesellschaftsordnung gerichteten Interessenorganisationen noch den reinen Marxismus versteht, der sich heute wirklich ehrlich und konsequent, wirklich ernstmachend und verwirklichend nur im Bolschewismus findet?. Spürt man sonst eine revolutionierende Kraft, der man vertrauen könnte, da man es weder bei dem rechtsnoch dem linksreaktionären „Sozialismus" tun kann? Etwa den wissenschaftlichen Schönrednern, die sich auch Marxisten nennen? Vom heutigen Sozialismus, der nicht nationalsozialistisch (was gegenwärtig praktisch nicht nur im marxistischen Sinne antisozialistisch bedeutet) und kein Verrat ist, bleibt nur der Bolschewismus als wirklich revolutionäre Bewegung. Der Bolschewismus ist die weltgeschichtliche Tragödie des marxistischen Sozialismus, dessen alleiniger wahrer Träger er heute ist. Gewalt, äußerste, alles ergreifende, physische, materielle Gewalt, anstatt der seelischen Macht der geistigen Idee — ist das aber Sozialismus? Nein, es ist reinster, echtester, geradlinigster Marxismus. Also kein religiöser Glaube, keine geistige Idee, sondern jene „Wissenschaft** der materialistischen Geschichtsauffassung, jener Imperialismus der allein herrschenden „ökonomischen Gesetze", die der Seele, des Gemeinschaftsgeistes und der Liebe entbehren können, jene mechanistische Fiktion einer einzigen internationalen Klasse mit den gleichen Interessen, jene rationalistische Abstraktion des sozialistischen Zukunftsstaats als einziger, riesiger Wirtschaftszentrale, die letzten Endes nicht bloß die leibliche, sondern auch die geistige Notdurft des Menschen reglementieren und die produzierten Güter in zweifellos höchster Gerechtigkeit, also mit zweifellos höchstem Unrecht rationieren wird. Ja, es ist eine Wissenschaft, die stimmen oder nicht stimmen kann, was der Glaube an Ideen und die Religion nicht vermag. Und der Bolschewismus zeigt, daß sie nicht stimmt, diese Wissenschaft. Es sind Gesetze, denn sie erschöpfen nicht die Totalität des menschlichen Lebens und behalten nur bis *u dem Punkte recht, wo der Geist beginnt, der sich nicht errechnen läßt. Die Klasse ist eine Realität, aber die Nation ist es nicht minder und zumeist viel mehr. 19*