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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 290

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Verzweiflung und Besinnung
Date
1919-01-01
Page
290 (sequence 2)
Language
German
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290 Albrecht Hellmann: es selbst den anderen Völkern zugefügt hatte, der Gewalt seinen entschlossenen, undurchbrechbaren Willen zum Leiden entgegengesetzt, dann wäre Versailles und die künftige Gewalt, die dieser Gewaltfriede notwendig aus sich gebären muß, nicht möglich geworden. Der zum Leiden Entschlossene ist unbesiegbar; er allein ist der heroische Mensch. Was die Scheidemänner aber meinten, war nicht Leiden, sondern Abwehr, im Nichtwiderstehen neuen Widerstand, in der kampflosen Unterwerfung neuen Krieg. Sie sahen nicht oder wollten nicht sehen, wie die Vergewaltigung des besiegten Deutschland durch Frankreich nur die Folge der deutschen Gewalttaten war, durch die wahnwitzige Angst der Franzosen vor der ungebrochenen Kraft des deutschen Volkes und seiner unverändert gewalttätigen Gesinnung diktiert. Hätte Deutschland sein Unrecht gefühlt Und wäre es bereit gewesen, darum das von ihm verursachte Unrecht der Entente auf sich zu nehmen, ohne zu widerstreben, aber auch ohne es anzuerkennen und damit zu verewigen, auch das größte Entente-Heer und die längste Zeit der Besetzung hätte Deuschland nicht zur Unterwerfung zwingen können. Noch nie war vom Sieger, dieser seit je verruchten götzenhaften Verzerrung des Menschentums, etwas für die Menschheit zu erwarten gewesen. Immer aber war die Menschheit und ihre Vollendung der hohe Sinn und Trost, die einzige sittliche Rechtfertigung der Niederlage, ihre Theodizee. Deutschland hat diese wahrhaft göttliche Bestimmung des noch stets in allen Ländern und Zeiten ans Kreuz geschlagenen Menschensohnes verraten, indem es auch in seinem Zusammenbruch sich nicht dem furchtbar schweren und erhabenen Schicksal seiner heiligen Berufung, sondern wiederum der Gewalt beugte, die, wenn auch diesmal eine fremde, ihm doch nicht fremd geworden war. Das Unrecht ist damit verewigt, die Kriege werden immer wieder kommen, denn dieser letzte hat sich gelohnt. Bei nächster Gelegenheit wird jeder Staat das Geschäft wieder versuchen, bei dem sich das hineingesteckte Kapital der Nation so gut verzinst hat: die verlorenen Menschenleiber und die weggeschossenen und abgesägten Gliedmaßen bedecken, aneinandergereiht, noch nicht die Fläche des gewonnenen Landes, Nationalökonomisch gesprochen, erhielten die der Konkurrenz überlegenen Unternehmer für das verwendete „flüssige" Kapital weit mehr „festes", dauerndes zurück. Das ist in Wahrheit die „Bilanz" dieser fünf Jahre. Die größte Möglichkeit eines dauernden Friedens ist vertan, die Gewalt triumphiert wie zuvor, die Millionen aller Völker sind umsonst gestorben. Was bleibt uns noch zu hoffen übrig? Es gibt keine Hoffnung mehr. Unvertilgbar wurzelt die Gewalt in Europas Seele und rettunglos verfallen ihr alle, auch die reinsten und geistigsten Bewegungen, werden auch die revolutionärsten Kräfte von ihr vergiftet. Die traurige Komödie des sich Revolution nennenden deutschen Sklavenaufstandes bleibe hier außer Betracht. Wie groß und gewaltig begann aber das Schauspiel der russischen Revolution, das wir erschüttert und mitgerissen 1917 erlebten! Wie strahlend in Menschlichkeit und Freiheit, „glühend und stark wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt", war das Antlitz des aus Jahrhunderten unsäglichster Erniedrigung und innerster Verwüstung wiedergeborenen russischen Volkes l Wie bald fand dieser Neubeginn aber ein Ende, erstickte dieser Völkermorgen in neuer Finsternis, schlug auch diese Revolution in Reaktion um, diese Freiheit in neuerliche Gewalt, endete diese menschliche Einheit und nationale Brüderlichkeit in blutigster Zerrissenheit und Zwietracht, wie bisher alle europäischen Re-

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