Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Verzweiflung und Besinnung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 289 (sequence 1)
- Language
- German
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VERZWEIFLUNG UND BESINNUNG Nun ist auch dies vorbei: die ungeheuersten Möglichkeiten der menschlichen Geschichte lagen vor uns, flehten uns wie die urgewaltigen Traumbilder Gottes in den Schöpfungsnächten beschwörend um ihre Verwirklichung an, griffen uns wie mit gerungenen Händen ans Herz — wir aber gingen vorüber und sie sind versunken. Sie sind vorbei und kehren niemals wieder. Nie mehr. Die Welt bleibt unerlöst und neuer Martern harrend. Alles war wieder umsonst wie bisher, selbst die unsagbare, unfaßbare, jetzt schon gar nicht mehr auszudenkende Folter dieser fünf Jahre, das Grauen der endlosen Blutmeere, das Todesröcheln der Millionen Sterbenden, die irren Schmerzensschreie der Verstümmelten, die wahnsinnige Pein der brechenden Frauenherzen — dieser grenzenloseste Jammer der menschlichen Kreatur seit Erschaffung der Welt war umsonst, ist bereits jetzt nicht mehr wahr, weil sein Sinn nicht wirklich wurde. War es denn der Sinn dieses ersten Weltkrieges, den Menschen zu zeigen, daß sie auch sein unendlich gehäuftes Unglück jahrelang überstehen können, und jene Voraussagen Lügen zu strafen, ein solcher Krieg müsse schon nach wenigen Monaten an sich selbst zugrunde gehen? Hatte er nur den Zweck, eine Art Training, zu bilden für die erst kommenden, die wirklich „ernsten" Kriege? Oder war sein Sinn, die Menschen so mit der letzten, äußersten, unvergeßlichen Not zu schlagen, daß er auch für den Stumpfsten in Zukunft unmöglich werden müßte? Wo aber sind heute diese fünf Jahre? Sie sind vorüber wie alle früheren und der Krieg ist bereits in unserem Bewußtsein ausgelöscht, als wäre er nie gewesen. Der kommende Krieg ist genau so möglich wie vorher und der göttliche Traum des ewigen Friedens ebenso oder noch viel unmöglicher. Der Krieg war verloren, als er gewonnen wurde. Deutschlands Niederlage war nicht der Sieg der Menschheit, durch seine Schuld wurde sie auch ihre Niederlage. Die tragische Schuld des deutschen Volkes war nicht der i. August 1914, an dem es, zwar nicht schuldlos, aber nicht allein schuldig, in einem Rausch falscher Begeisterung und einem Taumel von Lügen und Täuschungen verstrickt war. Seine wirkliche Verschuldung begann erst, als es nicht das Äußerste auf sich nehmen wollte, jene erste Schuld zu sühnen und den Krieg für alle Ewigkeit und für die Menschheit zu verlieren. Nicht Deutschland — der Krieg wäre verloren und der letzte gewesen, wenn wenigstens ein Mann im deutschen Volke den Sinn des großen chinesischen Imperativs vom „Nichttun" oder auch nur das christliche, von Tolstoj wieder erneuerte Wort „Widerstrebet nicht dem Übel!" begriffen und das [deutsche Volk die im falschen Handeln bewiesene Einigkeit während des Krieges im Dulden um der Gerechtigkeit willen wieder gezeigt hätte. Hätte Deutschland das Unrecht, welches sein eigenes Unrecht gezeugt hatte, entgegengenommen, ohne sich ihm zu unterwerfen, um es durch Leiden und Sühne zu überwinden, nicht aber um nach dem Willen der den alten gleichgebliebenen neuen Machthaber sich sein verwirktes Recht durch neues Unrecht zu holen, hätte Deutschland sich den feindlichen Heeren geöffnet und alles ertragen, was Heft 7. 19