Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ein mittelalterliches Klagelied
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Gerhard Scholem: und das Antlitz meiner Blumen — bedecken es nicht deine Dornen. Du sitzest in großem Hochmut, die Kinder Gottes zu richten nach anderer Satzung und bringst sie vor deine Richter? Noch verhängst du Brand über das Feuergesetz und die Satzung. Und darum: Heil dem, der dir deine Taten bezahlt Mein Fels — gab er in Feuer und Flammen dich, Thora, dafür, daß einstmals Feuer entbrenne an deinen Säumen? Sinai, hat für dies dich Gott erwählt und Größere verworfen und ist erstrahlt in deinen Grenzen als Zeichen und Gesetz, daß sie gering werde und sinke von ihrer Herrlichkeit — so will ich dir dein Gleichnis sagen, das Gleichnis von dem König, der zum Geburtsmahl seines Sohnes weinte, da er das Sterben sah — so bist du auch. Statt deines Prunkrocks bedecke dich, Sinai, mit Sack, hülle dich ins Kleid der Witwenschaft und tausche deine Gewänder. Tränen will ich vergießen, daß wie ein Bach sie seien und strömen zu den Gräbern deiner beiöen edlen Fürsten Mose und Aharon auf dem Berge Hör, und ich will fragen: Gibt es eine neue Thora, also daß deine Rollen man verbrannt hat? Siwan und Tammus haben sich verbunden, deine Anmut zu verderben und ganz die Krone deiner Schönheit; die Tafeln sind zerbrochen, und da es*) seine Torheit wiederholte, verbrannte im Feuer das Gesetz. Ist dies die doppelte**) Vergeltung? Meine Seele ist entsetzt und wie kann meinen Gaumen Speise freuen, nachdem ich sah, *) Israel. **) Jesaia 40, 2.