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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Ein mittelalterliches Klagelied
Date
1919-01-01
Page
283 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Gerhard Scholem: Ein mittelalterliches Klagelied 283 EIN MITTELALTERLICHES KLAGELIED Die im folgenden übersetzte Klage (Kinah), nach ihren Anfangsworten unter dem Namen „Scha'ali sseruphah" bekannt, stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Ihre Veranlassung ist die Verbrennung der Bücher der schriftlichen und*mündlichen Thora zu Paris im Tammus 1242 (nach Neuerem 1254). Als ihr Verfasser gilt jetzt allgemein Rabbi Meir von Rothenburg, der berühmte späte Tossafist der deutschen Schule. Das Original, das zu der Gruppe der als Zioniden bekannten Klagelieder gehört und ganz die harte Fügung des nordfranzösisch-deutschen Piut aufweist, hat den für alle Lieder dieser Gruppe charakteristischen durchgehenden Suffixreim ... ajich. Die Übertragung verzichtet schon deswegen prinzipiell lauf den Reim, weil dessen Wesen in den Zioniden durchaus auf der Klangbeziehung des genannten Suffixreims zu dem für die ursprüngliche Kinah kanonischen Klagelaut ejcha („wie") beruht, zu welchem Verhältnis es innerhalb des Deutschen keine Parallelen geben kann. Der Reim dieser Dichtungen ist ein Symbol für die prinzipielle Unendlichkeit der Klage, und nur eine solche Übersetzung scheint Aussicht zu haben, die Gewalt dieser Klagen im Deutschen sichtbar zu machen, die, anstatt diese unerreichbaren Symbole um jeden Preis, selbst den der Preisgabe des sprachlichen Wesens der Klage, zu versuchen, sie durch möglichst reine Betonung der Worte und ihre innere unendliche Steigerung zu eltminieren strebt. Frage, im Feuer Verbrannte, nach der Trauernden Wohl, die zu wohnen verlangen im Hof deiner heiligen Wohnung, die schmachten im Staube der Erde und leiden, die verstört sind ob des Brands deiner-Rollen, die verdüstert gehen und ohne Glanz und hoffen auf Tageslicht, das über ihnen erstrahle und dir — nach dem Wohle des stöhnenden Menschen, der weinet, zerbrochenen Herzens, immer klagt um den Krampf deiner Wunden, der Klage anhebt wie Schakale und Strauße und aufruft zur bitteren Trauer um dich: Wie ward die in zehrendem Feuer gegebne von irdischem Feuer verzehrt und nicht verbrannten die Fremden an deinen Flammen. Wie lange, Prangende, wohnest du noch in vielfachem Glück,

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