Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 281 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie 28r Alles drängt sich nur noch in die eine Bitte, das eine Flehen um Erhöhung, Befreiung, Erlösung zum Leben, Erlösung zu Gott: „O Herr, gedenke unser zum Leben, König, der da will, daß wir leben, siegele uns ein in das Buch des Lebens, um deinetwillen, lebendiger Gott." Es handelt sich nicht mehr um die Einschritt in das Lebensbuch, wie in den früheren Gebeten, sondern um das Siegel des Buches. Alles wird brennend und zum Äußersten gespannt. Fast alle Stücke werden doppelt gesprochen. Durch das lange Fasten und das anhaltende Gebet ergriffen, spricht der Vorbeter die Worte langsam vor, und die Gemeinde spricht sie langsam und deutlich nach. Alle Engel drängen sich vor Gottes Thron. Sie sollen sprechen, „wenn auch kein Engel rein ist vor dir." Alles Flehen soll nur noch heißeste Inbrunst sein. ,,Der Tag hat sich gewandt, die Schatten werden länger, o öffne uns das Tor zur Zeit des Torschließens. Denn die Sonne neigt sich und geht, so kommen wir vor deine Tore." 0 Herr vergib, und nun folgen immer gehäufte Rufe, . . . o sühne, verzeihe, schone, erbarme dich unser, verhärte dich nicht, o bändige die Schuld vor dir und die schreiende Sünde. „Denn nicht im Vertrauen auf unsere Gerechtigkeit werfen wir unsere Bitten nieder vor dir, sondern im Vertrauen auf deine große Barmherzigkeit. Herr, höre, Herr, vergib, Herr, merke auf, willfahre und zögere nicht um deinetwillen, mein Gott. Denn dein Name wird ja genannt über deiner Stadt und deinem Volke." „Siehe, wie der Lehm in der Hand des Töpfers, so sind wir in deiner Hand. Nach seinem Willen weitet er ihn, nach seinem Willen engt er ihn . . ." „O schaue auf den Bund und . . . nicht auf den Trieb." „Du Hirte Israels," „o neige dein Ohr" „aus der Höhe, antworte uns, Herr, antworte uns." „Denn nur auf dich stützen wir uns." „0 laß uns dein Eigentum bleiben!" Dann rollt zum achten Male, durch das innige ki anu eingeleitet, das Sündenbekenntnis. „Ja, wir sind deine Kinder, du der Vater, wir deine Knechte, du der Herr, . . . wir dein Weinberg, du unser Hüter," dann mit dem innigsten, sinnlichen Bild: „wir deine Geliebte, du der Geliebte". „Unser Gott und Gott unser Väter, o laß vor dich kommen unser Gebet und entziehe Dich nicht unserm Flehn. Denn wir sind nicht so frechen Gesichts und nicht so hartnackig, zu sagen vor dir: o Herr unser Gott und Gott unserer Väter, wir sind gerecht und wir haben nicht gesündigt, sondern nein: . . . wir haben wahrlich gesündigt: Aschamnu: wir sind schuldig (Samson Raphael Hirsch, Tefilla, bemerkt hierzu richtig: eine solche Verschuldung, die eigentlich Verödung, HDDtf, gänzlichen Glücksverlust verdient hätte), bagadnu: wir waren tückisch, gasalnu: wir haben geraubt. . . , „wir haben gelogen, gehöhnt und uns empört, . . . wir waren halsstarrig . . . wir gingen irre und haben andere irre geleitet." „Du aber bist gerecht in allem, was über uns gekommen ist. Denn du hast die Wahrheit getan, wir aber die Willkür." „Was sind wir? Was ist unser Leben, was unsere Güte? Was unsere . Gerechtigkeit, was unsere Hilfe, was unsere Kraft? Was können wir sagen vor dir? . . . Sind nicht alle Helden vor deiner Stirn wie ein Nichts und die Männer von Namen, als wären sie nicht gewesen, und die Weisen wie ohne Einsicht, und die Klugen wie ohne Verstand. Denn die Fülle ihrer Taten ist öde, und die Tage ihres Lebens sind ein Tand vor dir-" . . . „Heute aber erhöhe uns . . mache uns stark . . ." Hiermit jedoch sind alle Bitten erschöpft, und eine höhere Steigerung ist nicht möglich.