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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 282

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
Date
1919-01-01
Page
282 (sequence 9)
Language
German
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282 David Baumgardt: Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie Nach dem letzten Abinu Malkenu tritt daher der sinnfälligste, heftigste Abbruch ein, der das geheimste Pathos des ganzen Tages enthüllt: die letzten Worte des langen Bitt- und Fasttags enthalten nämlich keine Bitte und kein Gebet mehr. Sie stellen nur noch einmal, hart und stark, den Begriff des „Ziels", den Begriff der vollen Idealität, den Begriff des einigen Gottes über alles Menschliche und über alle Bitten hinaus, die längst unter ihm versunken und untergegangen sind. Alles bloße „Sinnen", alles Bitten des Tags soll endlich überwunden, die Teschuba soll endlich verwirklicht werden. „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig," so ruft der Vorbeter dreimal vor der geschlossenen Lade, und die Gemeinde antwortet dreimal dasselbe. Dann dreimal vom Vorbeter und der Gemeinde: „Gepriesen sei der Name seiner mächtigen Herrlichkeit in Ewigkeit." Dann siebenmal der Karmel-Ruf, den dem Elia einst das Volk zurief: „Der Herr (allein), er ist der Gott." Dann wird noch ein Ton aus dem Schofar geblasen, und die Feier ist zu Ende. Damit aber, mit dieser erhöhten Rück- und Vollbesinnung auf den Begriff des Absoluten, ist auch der Prozeß, der in der Teschuba durchlebt wird, vollendet. Es ist dieselbe Tiefe der Bahn, wie sie merkwürdig gleich auch in der spinozistischen Ethik oder etwa in den Chabot-halbabot (Herzenspflichten) des Bachja ibn Pakuda durchkämpft wird: von der Erkenntnis der Macht und der Einzigkeit Gottes, gemessen an der Natur, durchfalle Empirie hindurch zur Ahawat adonäj, zum amor dei intellectualis oder zum vollen Jichud haschem des Jom- Kippur. Und diese Stärke, das Nicht-erschlaffen, mit dem hier wie in den Propheten und Psalmen jede Wirklichkeit von dem Begriff des Absoluten durchstrahlt wird, sie ist auch heute für uns das Entscheidendste. Sie zeigt, woher wir kommen und wohin unser wahres Ziel geht, und wie weit es abliegt von „Kulturdünger "- oder „Esprit-Judentum" oder allem ähnlichen. Wohl würden wir der Größe des Jörn-Kippur-Gedankens schlecht dienen, wenn wir nur seinen festen, fixierten Inhalt beibehalten. Es wäre meiner Grundmeinung nach die größte Schwäche des erwachenden, lebendigen Judentums, wenn es sich selbst an seine höchsten historischen Schöpfungen verklammern wollte. Wir müssen auch die Überbetonung, die bloß antithetische Setzung, jede Reaktivität des jüdischen Seins überwinden. Wir können uns nicht sperren gegen die großen Modifikationen, die unser Weltverstehn auch über Spinoza hinaus — unsere letzte welthistorische Leistung —erfahren hat. Wir müssen auch das Christentum zu durchleben und noch das tiefste Jüdische in Paulus zu heben wissen. Wir müssen die volle Kontinuität des Weltgedankens fassen können, gerade nach unserem ewigenExil. Aber unser letztes und innerstes Sehnen kann doch nur sein: uns in diesen Weltgedanken hineingeläutert zu wissen, ihn ganz erfüllt zu haben mit derselben Glut, mit demselben unbeugsamen und ergriffensten Lebenswillen, wie er sich einst im Gedanken unseres Jörn-Kippur ausgerungen hat. Erfurt David Baumgardt

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