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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 280

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
Date
1919-01-01
Page
280 (sequence 7)
Language
German
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280 David Baumgardt: keit, auf den Tag des Verlassens der Eifersucht und jeden Streites". (S. das Mussaf- Stück abal awonot, nach der Aboda.) Wohl häufen sich auch in dem Nachmittags- und Abendgebet die durch den ganzen Tag wiederholten Klagen: „O Herr, laß mein eignes Blut und Fett, das ich durch Fasten verlor, dir dienen statt des Opferfetts und Opferbluts." „0 unterdrücke unsere Schuld und versenke" sie „in die Strudel des Meeres, an einen Ort, wo ihrer nicht mehr gedacht und nicht mehr Erwähnung getan wird und sie in Ewigkeit nicht mehr aufsteigt." ,,Hilf uns, Gott, denn die Wasser dringen bis an unsere Seele." „Auf meinem Rücken pflügten die Pflüger lange Furchen." „Von Meer zu Meer irrten wir wie ein unsteter Vog^l und haben nirgends Balsam gefunden für unsere Wunden." Aber über alle Klagen schwingt sich stets der Schrei und das Drängen nach wahrer Erneuerung zu einem ganzen, reineren, größeren, freieren Leben. „O Herr, zerschneide die Jochriemen vom Halse deines Volkes." „Und ihr, ihr Stämme, ihr noch Geretteten Israels, o ergreifet die Reinheit, . . . beschneidet die harten Herzen, schaffet Bahn, räumt jeden Anstoß aus dem Wege, machet klar und gerade eure Krummheit . . . und schafft euch das Herz eurer Unschuld." In manchen Gebeten, in den Selichot aus der Zeit der Kreuzzüge, der Zeit der stärksten Judenverfolgungen, flammt noch der Gedanke der Rache auf. „O Gott, schweige nicht zu meinem Blute, schweige nicht, sei nicht still gegen meine Gegner, suche, fordere es von der Hand meiner Vernichter, die Erde decke es nirgends zu." Aber über alle Rache weit leuchtet auch hier in dem Minchagebet die stärkste menschheitliche Läuterungssehnsucht, der Messiasgedanke von dem Versöhnungstag aller Völker, wie er am Schlüsse jeder Tefilla wiedergenannt wird mit dem Jesajawort: „Denn mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker," oder schon im Mussaf: „0 geleite die Völker zum Lichte deines wieder erbauten Tempels," und wie derselbe Gedanke endlich einen ergreifendsten Ausdruck hat in der Slicha des Mordechai b. Schabtai: „0 Herr, siehe am Abend des Tages, beim Grauen der Nacht, wie dein Volk seine Augen erhebt und betet vor dir, wie . , . Isaak einst betete auf dem Felde zur Abendzeit. . . O heile die Wunden, besprenge es beim Sonnenuntergang mit Reinigungswasser, wasche es und reinige es am Abend. Am Abend sei wie Tau für Israel, daß es wie eine Rose blühe." „Siehe auf sein Fasten und die Kasteiung seiner Seele, siegele es ein in das Buch des Lebens! Denn schon wendet sich der Tag, und es neigen sich die Schatten des Abends! ... Du Heiliger, der über Lobgesängen thront, siehe, das ganze Volk steht vor dir vom Morgen bis Abend. Abends, morgens und mittags flehe ich vor dir . , . O tue bald ein Zeichen, . . . daß jener Tag komme, der nur dir allein bekannt ist, der Tag, der nicht Tag und nicht Nacht ist zur Zeit des Abends!" (Der Messiastag s. Secharja XIV, 7 und 14.) Mit diesen Gedanken ist nun alles vorbereitet für die letzte größte Gipfelung des Tages, für das Gebet zwischen Tag und Nacht, die Neila. Diese Neila, die als ein besonderes Schluß gebet nur für den Versöhnungstag besteht, enthält zunächst von allen Gebetstücken die stärkste Vereinfachung, Konzentrierung und Kürzung. Das peinliche und besonders mühselige AI-Chet-Bekenntnis, in dem jeder Buchstabe des Alphabets den Anfangsbuchstaben zweier Sünden bildet, fällt weg, während es im Schacharit, Mussaf und Mincha der Hauptteil des großen Widuj war. Die Keduscha, die Heiligpreisung Gottes, ist ganz knapp gehalten.

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