Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 279 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie 279 bestimmt (s. b. Meg. 31 b). Das Buch Jona zeigt nämlich in einer der stärksten Gestaltungen die Konfrontation von sinnlichem Glückswillen und überempirischer Forderung, von individuellem, egoistischem Trieb-Genießen und freiem Eingehen in die All-Aufgabe der" Menschheit Auch der Prophet Jona will zunächst — wie der Beter des Jom-Kippur— vor Gott fliehen: vor der Teschuba in sich und vor der Predigt der Teschuba an die Stadt Ninive. Ja selbst nach der Umkehr Ninives bleibt er voll übler Laune. Er will immer wieder den Tod, nicht die Teschuba: das Umschaffen des Lebens. Nur Sinnlichkeiten können ihn noch für das Leben gewinnen, der Schatten des Kikajonbaums, und sie verrücken ihm jedes volle Weltverstehen, so daß Gott fragen mußte: „Verdrießt sie dich sosehr", die Hitze des Tags? Bis ihm dann endlich nach dem Verdorren des Baumes, als er sich wieder den Tod wünschte, Gott das große Wort sagen muß: Siehe, du forderst Schonung wegen des Kikajon, um den du keine Mühe hattest, und den du nicht groß zogst, . , . der als der Sohn einer Nacht entstand und als der Sohn einer Nacht verschwand. Und mir sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der 12 mal 10000 Menschen sind (die nicht zu sehen wissen zwischen rechts und links) und dazu unendliches Vieh" . . . Dieser Satz bedeutet die Grundfrage: soll wirklich die unbedingt mögliche Erhöhung, die Läuterung und innerste Höher-Wandlung einer ganzen Menschengemeinschaft scheitern an der Müdigkeit des alltäglichen Menschen? Soll die Teschuba, wie sie für alles Leben zu jeder Stunde notwendig ist, unmöglich werden durch die Hemmnisse des Empirischen? Genau dies ist auch die Mincha- Frage des Jom-Kippur. Wie weit aber endlich jede Empirie dem sittlichen Sein weichen muß, wie voll sich in ihm lösen, das zeigen besonders deutlich die Martyrologien der Mincha- Selichot Die Unzahl der jüdischen Märtyrer hat ihr ganzes Sinnen-Sein» ihr Leben, nicht mit Klagen, sondern frei weggegeben, nur um das Ideal, das Bekenntnis zum einzigen Gotte, zu halten. In allen Einzelheiten werden ihre Qualen aufgezählt und damit auf die Kraft ihrer Überwindungen, auf die Gewalt der Idealitäten, auf die Macht der Teschuba in ihnen hingewiesen und sie zugleich, wie Abraham in den Akedot, als Versöhner der Strenge Gottes angesehen. „Wie eine Türschwelle wurden sie gestoßen." „Wie ein Zusatzopfer für den Altar wurde die Schuljugend geworfen, wie ein Sühnopfer für das Volk die Jünger mit ihren Lehrern." „Aber wir lieben unsern Gott bis in den Tod", riefen sie. Dem Rabbi Akiba wurde mit vielschneidigem Eisen das Fleisch vom Leibe gerissen. „Rabbi Teradjon ben Chananja wurde in ein Bündel Reben gesteckt, diese angebrannt, und um ihn recht lange zu martern, nasse Wolle auf sein Herz gelegt." Auch dem Rabbi Ismael zog man die Haut ab. „Und als sie zu der Stelle kamen, wo die Tefillin liegen, schrie er bitter zum Schöpfer seiner Seele. Die Seraphim aber riefen oben: „Ist das die Lehre und ihr Lohn? Du in Licht Gehüllter, darf der Feind deinen großen, furchtbaren Namen so lästern?" Da antwortete eine Stimme aus dem Himmel: „Wenn ich noch eine Gegenrede höre, so gieße ich die Welt aus zu Wasser, und mache die Erde wieder zum Nichts. Denn mein Beschluß ist es so, und die sich mit dem Recht beschäftigen, sie sollen ihn übernehmen." Ja, Väter schlachteten in vollem Ergeben ihre Söhne, Frauen brachten ihre Säuglinge. Trotzdem bleibt die Gesamtforderung auch in dem Minchagebet nirgends auf die bloße Askese, auf das bloße Martyrium oder auf die rückwärts gewandte Buße gerichtet, sondern überall drängt alles auf den „Tag der Stiftung der Liebe und der Nächsten-Innig-