Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 278 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101156-3104529--3374-3104580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 David Baumgardt: Denn an diesem Tage wird er euch sühnen, euch zu reinigen von allen euren Sünden vor dem Ewigen." „Die Priester aber und das Volk, das in der Vorhalle stand, wenn sie vernahmen den erhabenen und verherrlichten Namen Gottes, wie er in Heiligkeit und Reinheit hervorging aus dem Munde des Hohenpriesters, da knieten sie nieder und bückten sich, bekannten ihn und fielen auf ihr Angesicht und riefen: Gepriesen sei der Name seiner mächtigen Herrlichkeit in Ewigkeit." Nur am Versöhnungstage und nur vom Hohenpriester durfte so der buchstäbliche Gottesname, für den sonst stets Umschreibungen gebraucht wurden, ausgesprochen werden, und noch heute ist nur an diesen Stellen der Aboda und des vorhergehenden Alenu der Kniefall beibehalten worden. Dreimal wurde so das Tetragrammaton, der Name, ausgerufen in drei immer gehobeneren Sündenbekenntnissen, in dem ersten für den Hohenpriester und sein Haus, dann für den Hohenpriester, sein Haus und für alle Söhne Aharons, dann für das ganze Haus Israel, die Sündenbekenntnisse selbst unterbrochen durch die feierlichen, schwer-rhythmischen Sprengungen des Altars, des Deckels der Bundeslade und des heiligen Vorhangs. Wenn aber der Hohepriester dann sichtbar aus dem Allerheiligsten austrat, wo er vor dem Volke verborgen gestanden hatte, so war es nach den Worten der Aboda, „wie wenn die Sonne aufgeht über der Erde". Noch bis tief in die Mussaf-Selichot ziehen sich solche Einzelschilderungen von dem ehemaligen Tempelkult, immer untermischt mit Bitten um Vergebung und Erlösung für das ganze Volk und um Wiederaufbau des alten Zionsitzes für den einzigen Gott, wie die folgende Bitte vor dem Eingang der Selichot: „0 unser Gott, und Gott unserer Väter, o gib deine Herrlichkeit wieder dem verwüsteten Berge, erscheine wieder, laß ihn weit leuchten, den Abglanz deines Tempels, erneuere die Gemächer deiner Halle, reinige sie von aller Unreinheit, befestige ihre Pracht und geleite die Völker zu ihrem Lichte ... 0 führe sie heim, die vergessenen Stämme. Rufe, pfeife, blase sie zusammen . . . und bringe sie wieder hinauf. . . zu deinem Hause. Wie niedergeschrieben ist durch die Hand deines Propheten: denn mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker." Alle diese Klänge sind aber plötzlich abgerissen mit dem Beginn des Minchagebetes. Es ist dies sicher der schärfste, schneidendste Umschwung während der bisherigen Liturgie des Festtags: der Übergang von dem weit gedehnten, prachtliebenden Mussaf zu dem knappen, fast dramatisch sich aufballenden und viel tiefer verinnerlichten Nachmittags-und später Ne'ilagebet. Die pni Hymnen mit ihrem aufreißenden, freudigen und strahlenden Aufschwung, mit ihrem fast pantheistischen Glanz sind hier verschwunden. Nur in der Keduscha schlagen sie kurz an. Schon der Toraabschnitt aber, mit dem die Mincha beginnt, redet gerade von der dunkelsten, geheimsten Individualschuld, von der Blutschande: „Du sollst nicht enthüllen die Blöße deines Vaters und deiner Mutter, deines Sohnes und deiner Töchter, deines Bruders und deiner Schwester". So wird gegen Ende des Tages mit Eindringlichkeit in den dunkelsten Trieb jedes Einzelnen eingegriffen. „Ihr sollt dies nicht tun, . . . damit euch das Land nicht ausspeie wegen eurer Unreinheit, womit ihr es besudelt." Noch eindringlicher aber und strenger, wenn auch äußerlich lautloser und verdeckter, ist in dem folgenden Haftaraabschnitt das Individualproblem der Ethik der jeden Einzelnen gestellt. Mit dem Feingefühl, das ihm eigen ist, hat schon für Talmud zur Mincha-Haftara des Jom-Kippur das Propheten-Buch Jona