Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 277 (sequence 4)
- Language
- German
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Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie 277 Das Mussafgebet nun, das dem Einheben der Tora folgt und sich bis in die späten Mittagsstunden dehnt, scheint zunächst nur anzuknüpfen an die ersten Schacharit-Hymnen auf die Macht Gottes. Ja, die großen Prunkgesänge erscheinen hier noch schwerer, weiter ausladend, mittäglicher und beladener. Man vergleiche z. B. das Lied ascher ejmatecha beerelej omen mit dem viel kürzeren Gegenstück im Schacharit oder die Mussaf-Keduscha der Engel mit der des Morgengebets. Bis dann die Hymnen ausklingen in den Gedanken: „Deine Heiligkeit ist auch dem Fernen nahe . . . dich sucht jedes Herz und jedes Innere . . . Die Angeln der Welt, ja sie hängen an deinem Worte . . . Die durch deine Befehle erst sich vollenden, sie rufen: der Herr ist unser Gott . . . Die wie ein Siegel deinem Herzen aufgedrückt sind, sie antworten: der Herr ist einzig . . . Die du von ihrer Mutter Leib an gerettet hast, rufen: Der Herr ist unser Gott . .* , Die sich an dich klammern, sie antworten: Der Ewige ist einzig." Dann.aber erreicht die Feier in der Aboda mit einer innerlichen Verwandlung einen Höhepunkt. Die Aboda, wörtlich: der Dienst, enthält nichts anderes als in ausgesprochen weiter, epischer Form den Bericht über den Versöhnungskuit in der altpalästinensischen Tempelzeit. Damit aber wird für den Gang der großen Gebetordnung zweierlei erreicht. Zuerst: die Sehnsucht nach der Entsündigung. Die Bitten um innere Erneuerung, die schon im Morgengebet vom Individuum auf die Gattung übertragen wurden, sind hier auch in eins gesetzt mit dem Ringen aller verflossenen Zeit. Dieses innige Aufgehen-Sollen der Historie in unserem lebendigen Augenblick, das volljüdische Einbeziehen des Vergangenen in das Gegenwärtige (s. die Hagada: „In jedem Zeitalter ist der Mensch verpflichtet, sich selbst so anzusehen, wie wenn er aus Mizraim ausgezogen wäre") zeigt sich hier besonders deutlich in der Unmittelbarkeit, mit der heute noch das Sündenbekenntnis des Hohenpriesters als unser eigenes gesprochen wird. Zweitens aber hat auch der Jichud haschem, das Bekenntnis zu Gott, die Bedingung und der Kern jeder Teschuba, in der Aboda wieder eine neue und gesteigerte Auswirkung gefunden. Schon sieben Tage vor dem Versöhnungsfest, so erzählt die Aboda des deutschen Ritus, mußte der Hohepriester mit den Vorbereitungen für das Fest beginnen. Er sonderte sich ab, ließ sich mit Sühnewasser besprengen wie vor der ersten Weihe und übte sich im Opferdienst. „Ihm gesellten sich die Weisen zu, Greise..., ihn auffordernd, daß er selbst die Vorschriften der Lehre lese. Um die Zeit des Sonnenunterganges reichten sie ihm wenig Speise, daß ihm im Schlaf die Weihe nicht gestört werde ... Ihn ergriff Angst und Tränen vergoß er, daß ihm Sündiges war zugetraut worden, und auch sie weinten, daß es solcher Fürsorge bedurfte . . . Rief der Späher dann auf der Warte: Der Morgen blitzt herauf! spannten sie eine Byssusdecke, den Priester zu bergen. Ei entkleidete sich, badete, legte die Goldgewänder an und schlachtete das tägliche Morgenopfer." »Dann aber stand der Opferfarren (für den Versöhnungstag) zwischen der Vorhalle und dem Altare, das Gesicht nach Osten, den Kopf nach Süden gekrümmt. Er aber trat heran, leg.e seine Hand ihm auf das Haupt, bekannte seine Sünden und barg sie nicht in seinem Innern." „Und er sprach also: 0 Gott! Ich habe gesündigt, gefehlt, gefrevelt vor dir, ich und mein Haus. 0 bei deinem heiligen Namen, vergib die Sünden, Fehle, Frevel, durch die ich gesündigt, gefehlt, gefrevelt vor dir, ich und mein Haus! wie geschrieben steht in der Lehre Moses, deines Knechts, aus dem Munde deiner Herrlichkeit: