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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 276

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
Date
1919-01-01
Page
276 (sequence 3)
Language
German
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276 David Baumgardt: Diese Dithyramben auf die Macht Gottes bestimmen den wesentlichen Grundton der ersten Keroba, und nur korrelativ und im engsten Zusammenhang mit ihnen steht die verzweifelte Anklage gegen den Menschen: der Mensch ist nämlich das Nichts, „in Schande gekleidet, in Schmach gehüllt", „nur Wurm und Motte", „ein verfliegender Hauch, eine dürre Stoppel, eine staubige Scherbe am Boden". Der Schöpfer selbst ermöglicht erst die menschliche Andacht, „das Öffnen des Mundes", die Kraft zum Gebet. „Der Mensch aber, wie kann er lauter sein vor dir, da selbst des Himmels Heere es nicht sind? Unrein^ ist er von seinem Stamme, unrein so lange er da ist, unrein mit seinem Sterben. Seine Tage sind wüst, seine Nächte leer, sein Sich-Quälen nichts, wie der Traum im Erwachen"*). Gerade im Morgengebet ist dieser Gegensatz von der Gewalt Gottes und dem Nichts des Menschen am härtesten geprägt, und erst auf diesen Grundvorstellungen sind die Selichot, die eigentlichen Flehgesänge, aufgebaut. Aber wie sind auch diese „Bußlieder" voll von heftigem, südländischem Gottesrausch. Das Wort Hölderlins vom Orient gilt auch hier. „Wie ein prächtiger Despot wirft" dieser Himmelstrich seine Bewohner „mit seiner Macht und seinem Glänze zu Boden, und ehe der Mensch noch gehen gelernt hat, muß er knieen, ehe er sprechen gelernt hat, muß er beten." Wie heftig erregt, wie ganz entsprechend der Gottesverehrung ist die Anklage, die Elia bar Schemajah ausruft: „Ja, der Sparren am Holz, er zeigt das Vergehen des Menschen, und der Stein aus der Mauer, er schreit es aus**." Aber was das Entscheidende für uns bleibt, mit diesem Riß zwischen Gott und dem Menschen ist doch zugleich der Weg der Heilung des Risses mitgegeben — durch den vollen Begriff der Teschuba. Schon in den beiden Schacharit-Akedot***) zeigt es nämlich die Opferung Isaaks, was die wahre Überwindung, die Auflösung in den Befehl Gottes fordert. „An jenem Morgen," so heißt es in der ersten Akeda, „sann der Mensch nicht mehr", sondern Abraham „nahm das Schlachtmesser und das Opfer sollte nicht über die Nacht verzögert werden bis zum Morgen"f). Ja, es freute sich der Vater wie beim Gelage für den Sohn, und es jubelte der Sohn in seinem Opfer wie in der Bräutigamschaft... So ist schon in diesen Morgen-Selichot das Ziel des Tages vorgegeben, die Teschuba, der Rückgang zu Gott nach allem „Sinnen". Und noch für seine elementarsten Formen ausgesprochen, mitten in die Empirie getragen, findet sich dann dieselbe Teschubaforderung in der Jesaia-Haftara des Morgengebets, wenn es heißt: „Ist das ein Fasten, wie ich es erwähle? Ein Tag, da sich der Mensch kasteit, zu krümmen dem Schilfe gleich sein Haupt, und sich auf Sack und Asche zu lagern, willst du das ein Fasten nennen und einen Tag des Wohlgefallens für den Ewigen? Ist doch das ein Fasten, das ich verlange: öffnen die Schlingen der Tücke, lösen die Bande des Joches, frei entlassen Unterdrückte und jegliches Joch zerreißen! ... Ist es doch das: dem Hungrigen dein Brot brechen, umherirrende Arme in dein Haus bringen, und so du den Nackten siehst, daß du ihn bedeckst und deinem Fleische dich nicht entziehst. Dann wird hervorbrechen wie das Morgenrot dein Licht und deine Heilung wird schnell gedeihn." *) Aus dem Piut taawat nefesch, angeblich von Meschullam b. Kalonymus. **) Aus der Selicha adon beschaftecha. ***) Mefalti eli von Mordechai b. Schabtai. t) Emunim von Binjamin b. Serach.

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