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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 275

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie
Date
1919-01-01
Page
275 (sequence 2)
Language
German
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Über den inneren Aufbau der Jom-Kippur-Liturgie 275 fixiert sein kann, sondern seinen Momenten nach immer nur aufgegeben, wie das Einheitsbild jeder Welt nie abgeschlossen sein kann, sondern stets mit immer tieferer Gestaltung erst aufzuerbauen ist. Nur wenn so die geistesgeschichtliche Grundeinstellung und ebenso das vielschichtige (in den zahlreichen Riten stark variierende) Material in aller Weite gefaßt wird, kann sich das tiefere Einheitsbild des Jom-Kippur-Gedankens ergeben. Das Wort Teschuba bedeutet keineswegs „Buße", sondern wörtlich und ausdrücklich nur Umkehr, Rückkehr zu dem Punkt, auf den etwas bezogen wird. Und dieses Grundfaktum, auf das alles zugekehrt ist, ist eben für den Jom- Kippur die Idee der Einheit und der Einzigkeit seines Gottes. Wie das Alte Testament sich vom Christentum, wie sich der Spinozismus vom Kritizismus (wie sich sonst etwa Fichte von der modernen Naturwissenschaft) dadurch am tiefsten scheiden, daß auf der einen Seite der Gedanke des Absoluten ewig der primäre Anstoß, das eigentliche Objekt der Forschung, der treibende Zentralbegriff bleibt, während auf der anderen Seite die Treue zum Modus, die Versenkung und der Anstieg vom Endlichen aus die Grundtatsache und den Grundweg bezeichnen, so ist der Jom-Kippur nur zu verstehen als ein leidenschaftliches Welterfassen des ersten Weges. Erst von hier aus kann der tiefere Aufbau der Liturgie begreifbar sein, nur so kann sich die für sich lediglich seltsame Tatsache erschließen, daß im Anfang und besonders in der Mitte und am Abschluß dieser Gebetfolge gar kein Gebet steht, sondern überall nur, als der ergreifende und der ergriffenste Höhepunkt, der Jichud-haschem, das volle Bekenntnis zu Gott und damit das Eingehen in die Teschuba und das Bekenntnis zum Handeln auf dem Wege der Teschuba. Obwohl die Piutim (Hauptkunstgedichte) des Jozer und der Schacharit-Keroba (die ersten Festeinschaltungen des Morgengebets) vielfache Bitten und Gebete enthalten, so kann es doch einer näheren Analyse nicht entgehen, einen wie breiten und beherrschenden Raum dort ganz andersartige Gesänge einnehmen, besonders die 12—18 Hymnen mit dem Aufruf}?? die für den Maamad aller Riten typisch sind, und die Rehitim, die der Keduscha folgen und dem Kalonymus aus Lukka zugeschrieben werden*). Alle diese Gesänge reden immer wiederholt und betont in aller morgendlichen Ungebrochenheit und morgendlichfreien Leuchtkraft, in biblischen und hagadischen Bildern von der Macht Gottes, „dessen Macht da thront in den Wolken", „der Einig-Einzige", „der Strahlende", »der Richter", „der Unerreichbare", „der den Livjathan sich zum Scherz erschaffen", „der das Licht um sich wirft wie ein Gewand". So beginnt der Jom-Kippur. In immer neuen, sich fast überbietenden Bildern und Worten wird stets die Macht und die Einzigkeit Gottes geschildert „Der die Weltenlast hält in seinem Arm", „der Entbinder vom Mutterschoß", „vor dem die Himmelpfeiler beben", „der Seraph selbst verdeckt das Antlitz", „der von Millionen geheiligt wird, in Blitzen gefürchtet", „der wohnt über den Ruhmgesängen und hinfährt durch die Himmel", „vor dem die aus Eis, Schnee und Flamme Gebildeten rufen: Geweiht!", „der das Weltall hält über dem Nichts", „der auftürmt die Berge in seiner Kraft und sie tränkt aus seinen reichen Söllern". *) s. Zunz, Literaturgeschichte der synagogalen Poesie, S. 108 18*

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