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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 273

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
273 (sequence 11)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 273 Torah*); nun solle sie von heute das Kind auf seinen Lebensweg begleiten und seine Bahnen beleuchten. Mit Rosinen und Mandeln wird auch der glückliche Bräutigam am „Schabbes Aufrufens" in der Synagoge auf seinen Gang zur Torah beschüttet**). Nachdem das Kind der Wiege entwachsen ist, wird sie für die noch kommenden Kinder bereit gehalten. Die Wiege bleibt als teures Andenken im Hause der Eltern, auch nachdem keine Kinder mehr geboren werden. Mit Rührung zeigt die Mutter noch im späteren Alter das „Wiegel", in dem sie einst ihre Kinder in den Schlummer gewiegt hatte. Stirbt ein Kind im Säuglingsalter, dann wird seine Wiege für ein folgendes Kind nicht mehr gebraucht. Solange ein Kind seine Wiege benützt, wird kein anderes, auch nicht für einen Moment, hineingelegt, da dies dem Kinde den Schlaf nehmen könnte. Eine Wiege wird überhaupt, selbst von armen Leuten, nicht verkauft, da manche seelische Fäden sie mit der Familie verbinden und man doch bei einem Verkauf nicht wissen könne, was für ein Kind sie benützen würde. Insofern sie nicht bei der Familie als liebe Erinnerung aufbewahrt wird, wird sie an einen mittellosen Verwandten oder sonst an einen würdigen Armen, der eine Wiege für sein Kind benötigt, verschenkt. Die Kinder werden in der Regel an der Brust der Mutter genährt. Wenn jedoch der Gesundheitszustand der Mutter oder andere Umstände dies nicht erlauben, dann wird, insbesondere wenn das Kind ein Knabe ist, in erster Linie nach einer jüdischen Amme gesucht, damit, wenn schon die Mutter den Knaben nicht nähren könne, er wenigstens an einer jüdischen Brust sauge***). Obzwar eine jüdische Amme nur äußerst schwer zü finden ist, kommt es doch in solchem Notfall vor, daß eine arme jüdische Frau, die ihr Kind verloren oder früh entwöhnt hat oder gar neben ihrem eigenen Kinde auch ein fremdes zu nähren vermag, eine solche Mission übernimmt. Für Mädchen dagegen werden, wenn die Mutter ihr Kind nicht zu nähren in der Lage ist, oft nichtjüdische Ammen aufgenommen, die wegen der guten Behandlung im jüdischen Hause sich hier - sehr wohl fühlen und zumeist eine große Anhänglichkeit an das Haus wie insbesondere an das von ihnen genährte Kind beweisen. Sehr oft kommt es sogar vor, daß eine nichtjüdische Amme, auch nachdem sie das Kind von der Brust entwöhnt hat, weiter, mitunter sogar ihr ganzes Leben hindurch, im Hause bleibt und fast wie ein Familienglied betrachtet wird. Sie pflegt und überwacht in treuer Anhänglichkeit die Kinder im Hause und ganz besonders das Kind, das sie an ihrer Brust genährt hat. Oft bleibt sie sogar bei diesem Kinde auch nach dessen Verheiratung und begleitet es in ein eigenes Heim. Sie pflegt dann auch die jungen Sprossen des von ihr einst genährten Kindes. Solche bei einer jüdischen Familie durch viele Jahre eingelebten nichtjüdischen Dienstboten, die zumeist früher Ammen im Hause gewesen sind, bekommen mit der Zeit eine solche Routine in rituellen Dingen, daß man ihnen oft die rituelle Überwachung der Küche ruhig überlassen kann. Viele von ihnen verstehen sogar mit den Kindern die ersten hebräischen Gebete wie „Torah ziwah lanu Mosche" am Abend vor dem Schlafengehen und „Modeh ani lefanechah" morgens zu sagen. Inter- *) Siehe mein „Erziehung und Studium", „Der Jude" 1917 Heft 7 Seite 461. **) Das. .***) Nach alter Tradition soll auch Moses sich geweigert haben, von der Brust einer nichtjüdischen Amme zu trinken. Tr. Sotah 12 B. Heft 6. 18

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