Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 274 (sequence 12)
- Language
- German
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274 David Baumgardt: essant ist, daß solche nichtjüdische Dienstboten trotz ihrer Treue und oft grenzenlosen Anhänglichkeit an die jüdische Familie fast ausnahmslos sehr bigott sind und die Vorschriften ihrer Religion sehr gewissenhaft befolgen. Der gesunde Instinkt eines solchen uhverderbten Kindes aus dem Volke empfindet es, wenn auch unbewußt, daß trotz der Unterschiede von Rasse und Religion man doch verträglich und freundlich nebeneinander leben könne. Baden bei Wien Samuel Rappaport ÜBER DEN INNEREN AUFBAU DER J O M-KIPPUR-LITUR G IE enn es sich um die Geschichte der ethischen Menschheit handelt, ist in besonders erhöhtem Maße der Grundsatz der Singularität alles Geistigen festzuhalten. Denn mehr als für jede andere Entwicklung gilt es für die Langatmigkeit der ethischen, daß eine bloße Wiederholung einer großen seelischen Konstellation unmöglich ist, daß jede wahrhaft geistige Leistung, selbst wenn sie qualitativ genau gleich und in gleicher Stärke zweimal gesetzt werden könnte, doch in und mit ihrer reinen Wiederholung neue Wertmomente darstellen würde. Eine solche Leistung, die oft neben ihren großen Vorgängerinnen, neben den Prophetenbüchern und Psalmen als ein „bloß" synagogal interessierendes Werk unterschätzt wurde, ist mir der Machsor des Jom-Kippur. Wohl ist in rein historischen Zusammenhängen die heutige Gebetordnung des Versöhnungsfestes kaum zu isolieren aus dem tausendjährigen Entwicklungsprozeß der Gesamtliturgie, wohl ist der Gedanke des Ritus als religiöser, ethischer und sozialer Institution bereits im III. Buch Mosis entworfen, wohl ist der ganze Geist des Gebetbandes wesentlich alttestamentarisch. Aber die Tiefe des inneren Aufbaus, der organischen Gliederung und Steigerung, die Stärke der lebendigen Konkretisation, durch die diese Gebetfolge zugleich der Ausdruck individualsten wie sozialen Läuterungswillens werden konnte, die Entschiedenheit, mit der der tiefe Hauptgedanke überall festgehalten und durchgeführt ist, sie lassen die Jom-Kippur-Liturgie — auch abgelöst von aller sonstigen synagogalen Dichtung — als ein schöpferisches Dokument erscheinen neben den größten Gestaltungen jüdisch-ethischen Ringens. Man braucht kaum das Zitat der Kabbala: ,,Wie kann man vom Schin (dem Buchstaben Sch) sagen, daß es die ganze Welt umfaßt? Weil es der wesentliche Buchstabe in Teschuba (Umkehr) ist" (Sefer ha-bahir). Im Jom-Kippur und in seinem Begriff der Teschuba ist allerdings der „Höhepunkt des israelitischen Kultus" erreicht (ohne daß man deshalb, wie Delitzsch, das Fest den „Karfreitag des Alten Testaments" nennen könnte). Während nun die geistesgeschichtlichen Analysen der Humanitätszeit über der intellektuellen Form der Doktrin die tiefere biologisch-rassenmäßige Differenzierung vergaßen, während die Moderne die Rassenbegriffe oft falsch verabsolutiert, wird für unsere beschränktere Aufgabe die Lösung leicht dahin gehen, daß uns gewiß die geistige Schöpfung der Ausdruck der Rasse ist und die Rasse eine Quelle der Leistung, daß aber der Begriff der lebendigen Rasse nie absolut