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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 271

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
271 (sequence 9)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 271 die das Kind in ihre besondere Obhut nimmt und mit den Kenntnissen einer auf diesem Gebiete vielfach erfahrenen Person das Kind betreut. Zur Beschneidungsfeier erscheint sie in festlicher Sabbattoilette. Sie ist es auch, die dem „Kvatter"*) das Kind zur Beschneidung reicht und nach deren Vollziehung es von ihm wieder abholt. Die Sitte, das Zimmer einer Wöchnerin mit Schmirezetteln zu versehen, ist nicht jungen Datums und scheint mit der Verbreitung der Kabbalah und dem Glauben, daß man mit Hilfe gewisser Engelsnamen, die gesprochen oder niedergeschrieben böse Dämonen verscheuchen können, allgemeine Verbreitung gefunden zu haben. Dieser Brauch dürfte wahrscheinlich auf eine in dem fälschlich dem Josua ben Sirah zugeschriebenen sogenannten Alphabet des Ben Sirah enthaltene Legende zurückzuführen sein. Nach dieser Legende soll Lilit, die neugebornen Kindern usw., Knaben bis zum achten Tage nach ihrer Geburt d. i. bis nach der Beschneidung, Mädchen hingegen bis zum zwanzigsten Tage nach der Geburt, nach dem Leben trachtet, von den drei guten Engeln Seni, Senseni und Smangalof gezwungen worden sein, ihnen ihr Geheimnis zu verraten, durch welche Mittel sie von den Kindern abgehalten werden könne. Lilit mußte ihnen verraten, daß wenn sie ihre, nämlich dieser drei Engel, Namen auf einer „Kmie" sähe, sie in den betreffenden Raum keinen Einlaß finden und dem Kinde nichts Böses antun könne. (Alphabetum Siracidis utrumque. Editio M. Steinschneider. Berlin 1858 Blatt 23.)**) Der im Osten im allgemeinen Gebrauch stehende Schmirezettel hat ein gewöhnliches Oktavformat. In der Mitte enthält er den schönen Wächterpsalm (Psalm 121), zu beiden Seiten die Erzählung, wie Lilit gezwungen ward zu verraten, durch welche Engelsnamen sie vom Kinde ferngehalten und unschädlich werden könne, darunter die oben erwähnten drei Engelsnamen Seni, Senseni, Smangalof in fetter Schrift; ferner die Namen der Erzväter und der Stammmütter, dann den Bibelausspruch: „Eine Zauberin darfst du nicht leben lassen" (Exodus 21, 17) in möglichst variierter kabbalistischer Wortstellung wiederholt, zum Schluß, ganz unten in fetter großer Schrift: „Adam we Chawah pnimah" (Adam und Eva drinnen) und darunter: „Lilit wekol kat dilah chuz" (Lilit und ihr Gefolge draußen). Letzterer Spruch will besagen, daß Adam und Eva, als das erste in treuer ehelicher Gemeinschaft lebende Paar, drinnen im Hause an der sittsamen Wöchnerin und ihrem in von Gott befohlener ehelicher Verbindung gezeugtem Kinde Wache halten, während die unzüchtige Lilit samt ihrem Gefolge fem von ihnen draußen bleiben möge. Das apokryphe sehr alte kabbalistische „Sefer Rasiel ha-Malach" (Buch des Engels Rasiel; dies Buch soll der Sage nach der Engel Rasiel dem Adam übergeben haben, seine Entstehungszeit ist unbekannt, es dürfte aber in seinen Hauptteilen aus dem frühen Mittelalter stammen) empfiehlt das Hexagramm, das ist die, als jüdisches Wahrzeichen allgemein bekannte und heute als zionistisches Emblem benützte, sogenannte „Ma- *) Darüber weiter unten. **) Jizchak Erter (starb 1851 in Brody) läßt in der, in seinem „Hazofeh lebet Israel" abgedruckten, hebräischen Satire „Die Klagen der Engel Seni, Senseni und Smangalof" diese ihr schweres Los beklagen. Im Gegensatz zu den vielen anderen Engeln, die nur sehr wenig leisten und sehr selten Dienst machen, müssen sie allein immerfort und ohne auszuruhen überall umherflattern, um alle jüdischen Wöchnerinnen gegen die Angriffe der Lilit zu schützen. Eine aufreibende Arbeit, unter deren Last die Engel zusammenzubrechen drohen.

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