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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 270

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
270 (sequence 8)
Language
German
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270 Samuel Rappaport: bracht. Die Schmirezettel bilden eine Art Amulett, die bösen Geistern den Zutritt ins Zimmer der Wöchnerin verwehren sollen. Sie werden in mehreren Exemplaren im Zimmer, wo die Wöchnerin sich befindet, über ihrem Bette und an allen Wänden, in der Höhe überallhin sichtbar, angebracht. Kaum ist die Geburt und der erste freudige Rausch vorüber, werden alle Verwandten und guten Bekannten vom frohen Ereignis benachrichtigt. Ein Bote läuft überallhin, um mit lautem „Masel tow!" die Kunde zu überbringen. Ist der Bote ein im Hause Bediensteter oder sonst ein armer Mensch, dann bekommt er für die überbrachte angenehme Nachricht ein Geldgeschenk. Nahe Verwandte und Freunde, zumeist Frauen, stellen sich bald ein, um den Eltern „Masel tow" zu wünschen. Selbstverständlich ist der freudige Ausdruck ein erhöhter, wenn das neugeborne Kind, insbesondere wenn es das erste ist, als Knabe zur Welt gekommen ist. Ist jedoch das erste Kind ein Mädchen, dann ist bei aller aufrichtigen Freude doch am Gesichte von Eltern und Großeltern ein, wenn auch kaum merklicher, Zug einer Enttäuschung nicht zu verkennen. Außer den üblichen Wünschen fügen noch talmudisch gebildete Gäste bei Begrüßung des neuen Vaters noch den talmudischen Ausspruch hinzu: „Bat tchillah siman jafeh lebanim" d. h. wenn das erste Kind ein Mädchen ist, dann bedeutet dies ein gutes Vorzeichen für die noch kommenden Söhne" (Tr. Baba Batra 141 B). Ein durch die Blume gespendeter Trost nach der Enttäuschung wegen des gewünschten und nicht gekommenen Sohnes; zugleich Mut- und Hoffnungszuspruch für die Zukunft. Als besonders glücklich und zukunftsreich wird im Osten ein Kind betrachtet, wenn es „in a Habel" d. h. in einem „Häubchen" zur Welt kommt. Es ist dies ein über den Kopf, wie eine Haube, gezogenes dünnes Häutchen, in dem manche Kinder geboren werden. Eine Erscheinung, die zwar nicht oft aber doch ab und zu vorkommt. Ein in einem solchen Häubchen zur Welt gekommenes Kind wird allgemein als ein unter einem ganz besonderen Glücksstern geborenes Wesen betrachtet. Ist jemand im Leben vom Glücke besonders begünstigt, dann heißt es von ihm, er sei „in a Habel geboren" d. h. er ist ein Glückskind. Ein Kind, das im Häubchen geboren wurde, muß, als vom Glücke besonders begünstigt, auch mehr als jedes andere Kind vor der schädlichen Wirkung eines „bösen Blickes" beschützt werden und bedarf deswegen einer außerordentlichen Obhut. Diese Vorsicht haben auch schon die deutschen Juden des Mittelalters, denen die glückverheißende Bedeutung des Häubchens für das mit demselben geborne Kind bekannt gewesen ist, geübt. (Sefer chassidim 463. 469. Über denselben Glauben bei den Nichtjuden in Deutschland im Mittelalter siehe Güdemann a. a. O. 204—5.) Bald nach der Geburt zieht die Hebamme das Häubchen vorsichtig, daß es nicht beschädigt wird, vom Kopfe des Kindes. Es wird dann getrocknet, konserviert und als Glückstalisman von der Mutter sorgfältig bewahrt. Zur Hochzeit des Kindes wird ihm gewöhnlich sein „Häubchen" mitgegeben. Manche Mütter jedoch geben es ihr Leben lang nicht aus den Händen, damit es im Hause des Kindes nicht abhanden komme. Die Hebamme bleibt in der Nähe der Wöchnerin, solange diese das Bett nicht verläßt. Sie gibt auch die nötigen Anweisungen für die Pflege und Bedienung von Wöchnerin und Kind, welches zu baden sie in den ersten Tagen als ihr ausschließliches Privilegium betrachtet. Bei der Beschneidung ist sie es,

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