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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
269 (sequence 7)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 269 dern, bei deren Geburt sie Hilfe geleistet, bleibt in der Regel auch für die Zukunft ein vertrautes. Sie werden von ihr stets als „meine Kinder" bezeichnet. Sie erkundigt sich immer nach ihrem Wohle und liebkost und streichelt sie, so oft sie ihnen begegnet. Ein feiner unsichtbarer Faden verbindet sie mit diesen „ihren Kindern". Sie empfindet eine seelische Genugtuung, wenn manche „ihrer Kinder" irgendwie durch geistige Vorzüge, Glück oder sonstige gute Eigenschaften hervorragen. Mit Stolz weist sie auf solche Kinder dann hin, in dem Bewußtsein, daß auch sie, sei es durch ihre glückliche Hand oder durch ihre Würdigkeit, ihren Anteil daran habe. Natürlich wird eine Hebamme bei allen festlichen Gelegenheiten „ihrer Kinder" wie z. B. Bar-Mizwah, Hochzeit usw. nie fehlen, bei welchen Anlässen sie besonders aufmerksam empfangen und bewirtet wird. Schön und rührend ist mitunter der Anblick, wie eine solche Hebamme „ihrem Kinde", das auf ihrer Hand zum ersten Mal das Licht der Sonne erblickte, nun auf dessen Hochzeit unter Tränen ihren „Muttersegen" mit auf den Lebensweg gibt. Stirbt eine Hebamme, dann schicken die Eltern für jedes Kind, bei dessen Geburt sie Hilfe geleistet, oder die Kinder selber, insofern sie schon verheiratet sind, je eine Kerze in die Synagoge für ihr Seelenheil, und eine Kerze ins Sterbehaus, wo sie zu Häupten der Verstorbenen leuchtet. Im Sterbehaus einer Hebamme sieht man mitunter auf dem Fußboden große Mengen von Kerzen hinter dem Haupte der Toten brennen. Es ist dies die letzte Ehrfurchtsbezeigung und der letzte Liebesdienst, den die vielen dankbaren Kinderseelen ihrer „Mutter" bezeugen. Sie hat diese Kinder auf dem ersten Gang ins Leben geleitet, nun soll das durch diese gespendete Licht, als Symbol der Seele und des Lebens (Proverbia 20, 17), ihrer Seele auf dem Weg zur ewigen Seligkeit leuchten. Schon während der Geburtswehen suchen, wie bereits bemerkt, böse Dämonen durch Hinhaltung der Hebamme eine glückliche Geburt zu verhindern. Ist diese aber glatt vorüber, dann ist erst recht die allergrößte Vorsicht und Achtsamkeit geboten. Wöchnerin und Kind sind jetzt allerlei Angriffen tückischer Geister ausgesetzt. Schon der Talmud sagt, eine Wöchnerin gehöre zu denen, die einer besonderen Überwachung bedürfen (Tr. Berachot 54 B). Lilit und ihr Gefolge sind es vorzüglich, vor denen man, wie der Sohar und viele kabbalistische Schriften betonen, nun ganz besonders auf der Hut sein müsse. Mit dem ersten Momente der Geburt werden Wöchnerin und Kind unter keinen Umständen, auch nicht für einen Augenblick, allein gelassen. In manchen Gegenden wird zu Abwehr und Schutz gegen böse Kräfte schon einige Tage vor der Entbindung eine Torahrolle aus der Synagoge ins Haus gebracht. Sie wird aber aus Ehrerbietung gegen deren Heiligkeit, mit Rücksicht auf die Vorgänge während des Geburtsprozesses, nicht im Zimmer, wo die Gebärende sich befindet, sondern in einem Nebenraum, in einem Schranke, untergebracht, wie überhaupt, aus ähnlichen Gründen, eine Torahrolle in einem Schlafzimmer nicht bewahrt wird. Die Torahrolle bleibt hier, bis die Wöchnerin das Bett verläßt. Wenn jedoch inzwischen,, was in manchen Orten üblich ist, im Hause auch gemeinschaftlicher Gottesdienst veranstaltet wird, bei dem aus der Torah gelesen werden soll, dann wird auch aus ihr „geleint" d. h. gelesen. Zum radikalen Schutze jedoch der Wöchnerin wie des neugebornen Kindes werden die sehr populären und geschätzten sogenannten Schmirezettel (Schutzzettel) oder auch Schmirebriwlech (Schutzbriefe) allgemein in Anwendung ge-

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