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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 267

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
267 (sequence 5)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden Mann selber, der den Gang übernimmt. Muß aber der Weg in der Nacht oder in der Dämmerung gemacht werden, dann darf der Bote zur Hebamme nie allein gehen, sondern stets muß er jemand zu seiner Begleitung haben. Wer diesen Weg zur Hebamme ohne Begleiter allein macht, kann sehr schweren Gefahren ausgesetzt sein. Es herrscht nämlich der Glaube, daß böse weibliche Dämonen und insbesondere deren Königin, die berüchtigte „Lilit", die mit ihrem ewig unvertilgbaren Hasse einer jeden jüdischen Wöchnerin wie deren neugebornem Kinde nach dem Leben trachtet, durch Verführung und Mißhandlung des um die Hebamme sich begebenden Boten, wenn er sich ohne Begleitung befindet, eine normale Entbindung zu verhindern suchen. Dieselben Gefahren drohen einer zur Gebärenden sich begebenden Hebamme, wenn sie zur Nachtzeit ohne Begleitung geht*). Oft soll es sich zugetragen haben, erzählt man im Osten, daß es Dämonen gelungen ist, Boten, die sich in der Nacht allein auf den Weg gemacht haben, *) Die bösen Dämonen, „Schedim" und „Masikim" genannt, die den Menschen bei jeder Gelegenheit nachstellen und, je nach dem Grade ihrer Gefährlichkeit, ihnen viel Übles zuf ügen, werden schon in den älteren Quellen wie Talmud und Midrasch sehr oft erwähnt In der Kabbalah besonders gelangen sie zu großer Bedeutung und nehmen hier, im Kampf der guten und bösen Geister untereinander, einen nicht geringen Raum ein. Sie sollen von Adam, als er durch den Tod Kains verbittert keine Kinder mehr zur Welt bringen wollte, während seiner Trennung von Eva, die 130 Jahre lang gedauert haben soll, unfreiwillig gezeugt worden sein (Tr. Erubin 18 B). Das Oberhaupt der männlichen Dämonen ist „Aschmadai", von dem die alte Agadah vieles zu erzählen weiß. Das Oberhaupt der weiblichen Dämonen ist die arg gefürchtete „Lilit". Während Aschmadai mehr zur historischen Vergangenheit gehört, setzt Lilit ihr schädliches Treiben immer fort und verbreitet unaufhörlich Schrecken und Angst. Ihre Begleiterinnen und Helferinnen werden komulativ „Lilin" genannt. Die Lilit (von hebr. Lail Nacht), ein babylonisch-persischer Nachtdämon (babylonisch „Lilitu" genannt), wird schon von Jesaias (34, 14) erwähnt. In der kabbalistischen Literatur spielt sie keine geringe Rolle und ist bis heute beim Volke im Osten bekannt und gefürchtet. Ihr Gegensatz ist der gute, besonders die Schwangerschaft treu beschützende, Nachtgeist „Lailah",j (Tr. Niddah 16 B). Die Lilit wird im Talmud als weiblicher Dämon mit wildwachsendem Haar geschildert (Tr. Erubin 100 B). In der Kabbalah gilt sie als Sinnbild der Unzucht und der Unkeuschheit. Sie zwang Adam, während seiner Trennung von Eva, zu unkeuschem Verkehr, in dessen Folge sie die bösen Dämonen gebar. (Viele Stellen im Sohar, Emek hammelech, Jalkut Reubeni usw.) Als Seitenstück der Lilit gilt in der Kabbalah die berückend schöne, nicht so schädliche aber ebenso wie Lilit unkeusche Noemi (= die Liebliche), auch „Machlat" (= die Tanzende vom hebr. „machol" der Tanz) genannt. Noemi oder Machlat (nach manchen kabbalistischen Quellen sollen dies jedoch zwei verschiedene Dämonen sein) soll auch die Mutter des Aschmadai sein. Sie gilt als stets lustig und ausgelassen tanzend im Gegensatz zu Lilit, die düster und grollend umherschweift und unaufhörlich Unheil, vornehmlich neugebornen Kindern bereitet. Die beiden Dirnen, die Salomo um dessen Urteil in ihrem Streit um das lebende Kind angingen, sollen Lilit und Noemi gewesen sein. (Jalkut Reubeni, Abschnitt Breschit und Jalkut chadasch Abschnitt „Keschafim".) Durch die Kabbalah hat Lilit in die deutsche Mystik und von hier sogar in Goethes Faust Eingang gefunden. Goethe läßt im Faust I (Walpurgisnacht) durch Mephistopheles vor ihr, die mit ihrem schönen Haar junge Männer verführt, warnen. Die unkeusche Lilit und ihr Gefolge („Lilit wekol kat dilah") bilden den Schrecken der Wöchnerinnen und Neugebornen. Als solche ist sie auch im böhmischen Ghetto mit der Bezeichnung „Benemmerin" bekannt. (Siehe Komperts Erzählung „Zwischen Ruinen" I). Im Osten werden viele Schauergeschichten von Untaten der Lilit und ihres Gefolges an Neugebornen erzählt. Chassidische Legenden wissen viel von Wundertaten mancher Zaddikim *u erzählen, die mit Hilfe kabbalistischer Mittel böse Zauberer, welche als Sendboten der LiHt in Gestalt einer schwarzen Katze bei manchen Eltern mehrere neugeborne Kinder, Knaben, in der „Wachnacht" (darüber weiter unten) nacheinander erwürgt haben, aber schließlich vom Zaddik eingefangen und durch Stockhiebe unschädlich gemacht worden sind,

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