Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
266 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101156-3104528--3360-3104568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

266 Samuel Rappaport: Unter den vielen Momenten, denen die schwangere Frau im Interesse des sich in ihr entwickelnden Lebens besondere Aufmerksamkeit schenken muß, ist die außerordentliche Vorsicht hervorzuheben, sie solle sich ja nicht „farkiken" (= vergucken). Es herrscht nämlich im Osten (wie anderswo) die teilweise nicht unberechtigte Meinung, daß auffallende hervorstechende Merkmale und Formen von Dingen, welche von einer schwangeren Frau besonders aufmerksam betrachtet werden, nicht ohne Einfluß auf das in ihrem Leibe in der Entwicklung stehende Kind bleiben. Durch intensives Betrachten eines häßlichen Menschen z. B. könne das Kind an Gesicht und Gestalt dem Angeschauten ähnlich werden. Ja, selbst bei aufmerksamer Betrachtung mancher Tiere, Pflanzen und dergl. könne das Kind mit ihnen ähnlichen Malen an Gesicht und Körper zur Welt kommen. Findet man mitunter, daß jemand besondere Male seit seiner Geburt aufweist, so vermutet man immer, seine Mutter habe sich, während sie mit ihm schwanger ging, an irgend einem, dem Male an Form bzw. Farbe ähnlichen Gegenstand „farkikt". Ist jemand besonders häßlich, dann bezeichnet man ihn als „Farsehenisch", d. h. seine Mutter habe sich an irgend einem häßlichen Menschen „versehen", oder man sagt: „Seine Marne hat sich awade (ganz gewiß) farkikt". Ebenso wie der Anblick häßlicher Menschen kann auch der schöner Menschen auf die Gestaltung des sich im Mutterleibe entwickelnden Kindes von großem Einfluß sein. Hat jemand schöne oder häßliche Kinder, die den Eltern nicht ähnlich sind, dann fragt man immer, an wem eigentlich die Mutter sich „farkikt" haben mag. Dieser allgemein verbreitete Glaube vom Einfluß des „Farkikens" auf die Gestalt des sich im Mutterleibe entwickelnden Fötus scheint auf sehr alte jüdische Quellen zurückzuführen zu sein. Nach talmudischem Bericht (Tr. Berachot 20 A) soll der durch seine außerordentliche Schönheit berühmte Rabbi Jochanan am Eingange des Frauenbades sich aufgehalten haben, damit die aus diesem kommenden Frauen auf ihn schauen und ihm gleichende Kinder zur Welt bringen. Ähnliches weiß übrigens schon die Bibel von Tieren zu melden (Genesis 30). Es wird erzählt, ein schwarzer Araberkönig, dessen gleichfalls schwarze Gattin weiße Kinder zur Welt brachte, habe diese des Ehebruches verdächtigt. Rabbi Akiba beruhigte jedoch den argwöhnischen König, indem er ihn unter Hinweis auf die Erzählung der Bibel von der Manipulation Jakobs bei der Aufzucht der Schafe, überzeugte, daß weiße Kinder bei schwarzen Eltern eine natürliche Erscheinung sein können (Jalkut Schimoni zu Jeremias 33). Ohne daß jemand es merkt, sucht nun die schwangere Frau auf schönen Menschen ihren Blick ruhen zu lassen. Da auch Schreck, Aufregungen und seelische Erschütterung der Mutter auf den künftigen Gemütszustand des Kindes nicht ohne Einfluß bleiben können, sucht die Schwangere, so sehr es irgend in ihrer Macht liegt, solche zu vermeiden, wozu übrigens die ganze Umgebung das Ihre beizutragen gleichfalls eifrig bestrebt ist. 3. Entbindung. In stiller Erwartung, in frommer Ergebenheit und Gottvertrauen sieht nun die junge Frau wie ihre nächste Umgebung dem Eintritt des ersehnten Ereignisses entgegen. Kaum beginnen Wehen das Herannahen des frohen aber schweren Momentes zu künden, als schleunigst um die „Buby" (= Hebamme; in manchen Gegenden auch „Heiwim" genannt), die schon früher öfter die Schwangere besucht und den ungefähren Termin berechnet hatte, wann ihre Hilfe nötig sein dürfte, geschickt wird. In den allermeisten Fällen ist es der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.