Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 265 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 265 Herz von Frömmigkeit und Gottesfurcht erfüllt, sein Geist vom Lichte der Torah und sein Inneres von der Liebe zur Torah durchdrungen. Wenn es aber vor dir, 0 Herr, bestimmt ist, daß das Kind als Mädchen zur Welt komme, dann möge ihm ein „Talrnid chuchem" („Talmid chacham" Gelehrter) als Ehegatte bestimmt sein. Wie im gesegneten Erdreich gesunde Frucht gedeiht, so möge es dein Wille sein, daß mein Leib gesunde, lebensfähige und gottesfürchtige Nachkommen zur Welt bringe"*). Neben zahlreichen anderen volkstümlichen Bräuchen, die einer leichten und glücklichen Entbindung förderlich sein sollen, herrscht an manchen Orten auch die Sitte, daß am „Haschanah Rabbah", dem siebenten Tag des Sukkotfestes, nach dem Morgengottesdienste, wenn der Etrog, der seine Bestimmung bereits erfüllt hat, für den Ritus nicht mehr gebraucht und der Hausfrau zur profanen Verwendung in der Küche übergeben wird**), er einer schwangeren Frau gereicht wird, damit sie von ihm den sogenannten „Pittem" (vom talmudischen „Pitmah" Fruchtknoten) abbeiße. Das Abbeißen des „Pittem" soll einer leichten und glücklichen Entbindung sehr förderlich sein. In manchen Gegenden meint man sogar, daß der abgebissene „Pittem" zur Bildung eines männlichen Fötus im Mutterleibe beitrage. Zurückgezogen, von keinem belauscht, sagt nun die Frau, bevor sie den „Pittem" abbeißt, den Etrog in der Hand haltend, aus ihrem Gebetbuche still die für diesen Moment bestimmte Tchinah, in der sie Gott bittet, er solle sie vom Fluche der Geburtschmerzen, mit denen er Eva wegen ihrer Sünde geflucht, befreien. „So wie der Pittem bitter schmeckt und ich keinen Genuß an ihm habe, während ich ihn zerkaue, ebenso hätte ich auch damals, wenn ich von der verbotenen Frucht, die Eva im Paradiese zu sich genommen, gegessen hätte, keinen Genuß haben wollen" usw.***). In chassidischen Kreisen wird natürlich der Zaddik um den Segen einer glücklichen und leichten Entbindung angegangen. In manchen Fällen, wie bei besonders schwerer Schwangerschaft oder bei früher vorgekommener Fehlgeburt schenkt der Zaddik eine „Kmie", die von der Frau unsichtbar am Halse getragen wird, oder sonst einen „angesprochenen" Gegenstand, den die Frau stets bei sich trägt. *) Das hier zitierte Gebet ist ein kurzer Auszug aus den für schwangere Frauen bestimmten (jüdisch-deutschen) „Tchinot", die in jedem Gebetbuche für Frauen, dem sog. »Korban Minchah" abgedruckt sind. **) Der Etrog wird im Osten nach dem Sukkotfeste in Scheiben geschnitten, entbittert und in Zucker eingemacht. Es gibt dies einen besonders wohlschmeckenden und vielbegehrten Leckerbissen, der unter dem Namen „Esrog Engemachts" bekannt ist, mit dem aber nur vornehmen Gästen und bei besonders festlichen Anlässen aufgewartet wird. ***) Die Sitte, daß eine schwangere Frau am siebenten Tag des Sukkotfestes den „Pittem" eines Etrog verzehrt zur Entsühnung der Sünde Evas, die diese durch den Genuß der verbotenen Frucht im Paradiese begangen, ist augenscheinlich auf kabbalistische Motive zurückzuführen. Nach Midrasch Breschit Rabbah 15 soll die verbotene Frucht, die Eva im Paradiese gegessen, ein Etrog gewesen sein. Später scheint, mit Bezug auf diese Midraschstelle, der Etrog mit der Sünde Evas und dem auf ihr lastenden Fluche des schmerzensreichen Gebärens in Verbindung gebracht worden zu sein. Der unangenehme bittere Geschmack des Pittem, den die Frau beim Zerkauen verspürt, soll ihr ihre Unschuld an der Sünde der Mutter Eva, die sie durch den Genuß des verbotenen aber süßen Paradiesetrog begangen, symbolisieren und sie von den Wehen und Schmerzen der Geburt befreien. Andrerseits hat aber Eva nach dem Genuß der Paradiesfrucht einem Sohne das Leben geschenkt. Soll vielleicht auch dieser Umstand hier, wenn auch indirekt, als Wunsch angedeutet werden?