Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 264 (sequence 2)
- Language
- German
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264 Samuel Rappaport: Umgebung suchen nun von der jungen Frau jedwede Sorge und Aufregung fernzuhalten und ihr alle mögliche Behaglichkeit angedeihen zu lassen. Auch alle Fernerstehenden befleißigen sich einer besonderen Rücksicht der Schwangeren gegenüber. Ein jeder ihrer Wünsche wird nach Tunlichkeit erfüllt. Im Osten herrscht der Glaube, daß man einer Frau, selbst einer fremden, die sich in gesegnetem Zustande befindet, keinen Wunsch abschlagen dürfe, da sonst demjenigen, gleichgültig ob Mann oder Frau, der sich dies zuschulden kommen läßt, die Kleider von Mäusen benagt werden. Dieser Glaube ist zumeist unter den Frauen verbreitet, zumal eine jüdische Frau im Osten überhaupt äußerst selten in Gesellschaft von Männern, geschweige fremden, sich befindet und selbstverständlich deswegen auch nie in die Lage kommen kann, von einem ihr fernstehenden Manne irgend etwas zu verlangen; hingegen ist dies einer Frau gegenüber, schon mit Rücksicht auf den lebhaften gesellschaftlichen Verkehr, den Frauen untereinander pflegen, wohl möglich. Findet nun mitunter eine Frau ihre Kleider durch Mäuse beschädigt, dann sucht sie sogleich sich in Erinnerung zu bringen, ob sie nicht etwa einer bekannten schwangeren Frau, deren Zustand ihr vielleicht dazumal nicht bekannt gewesen, irgend ein Verlangen abschlägig beschieden habe. Im Verkehr mit der Familie ist es üblich, falls eine Frau in gesegnetem Zustande ist, beim Abschied oder sonstiger Gelegenheit den Segen hinzu zu fügen: „Sie soll imjirzeh haschem beschulem mit a sucher iberkimmen", d. h. sie solle so Gott will in Frieden von einem Knaben entbunden werden. Sind aber Knaben schon vorhanden und die Eltern wünschen sich eine Tochter, dann werden die Worte „a sucher" durch „a meidel" (ein Mädchen) ersetzt. Die junge Frau, vom Bewußtsein getragen, was die Geburt eines Nachkommen, und gar eines Knaben für sie und ihren Mann bedeutet, andrerseits aber auch \n banger Sorge ahnend, welche Gefahren für sie und das junge Leben, das sie unter dem Herzen trägt, das zu erwartende Ereignis birgt, sucht nun ihre Zuflucht zu inbrünstigem Beten. Nach alter Tradition soll eine Gebärende im Moment der Entbindung von hundert Teilen irdischen Seins bloß mit einem einzigen Teile zu den Lebenden gehören, mit den restlichen neunundneunzig Teilen gehöre sie schon in das Reich der Toten (Midrasch Rabbah Schemot 46). Bloß die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes rette in diesem gefahrvollen Moment die bereits dem Tode anheimgefallene Gebärende dem Leben wieder. Dieser Ausspruch ist den Frauen aus ihrer frommen Literatur wohlbekannt. Im Bewußtsein dieser Tatsache potenziert sich noch in den Tagen der guten Hoffnung ihr Drang nach frommem Tun und seelischer Einkehr. Die Sorge der Frau gilt nun aber nicht bloß ihrer Person und dem Kinde bis zu seiner Geburt, ihr Bitten erstreckt sich jetzt schon auch auf die Zukunft des Kindes, daß sie es gut und leicht erziehe, daß es gesund, fromm und in der Torah gelehrt sei. Der Synagogenbesuch wird jetzt sehr fleißig gepflegt. Außer den allgemeinen Gebeten werden nun die besonders für schwangere Frauen bestimmten „Tchinot" mit ganz besonderer Andacht und Inbrunst gesagt. In ihre „Tchinah" vertieft schickt sie weinend ihr Gebet zu Gott empor: „Der Herr möge mich ohne Schmerzen das Kind gebären lassen; er möge mich von dem an Eva haftenden Fluche erretten; das Kind möge gesund zur Welt kommen und gar keinen Schaden, weder an Körper noch an Geist nehmen. Erhöre mein Gebet, o Herr, wie du das Gebet der Channah erhört hast, das Kind solle ein Knäbe sein, sein