Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 262 (sequence 9)
- Language
- German
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2Ö2 Jakob Rabinpwitsch: Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden Sympathie allein ist nicht ausreichend. Und die Juden, abgesehen von einer kleinen Schar von Assimilanten, standen abseits. So konnten sich die Polen, da die Juden nicht mit ihnen gingen, des Mittels der passiven Resistenz nicht bedienen. Ich will niemand beschuldigen: die Juden sind schließlich keine Polen und waren nicht verpflichtet, sich für die Freiheit Polens zu opfern, noch dazu zu einer Zeit, als die polnischen Bauern und die Mehrheit des polnischen Adels ihren Frieden mit Rußland gemacht hatten. Andererseits ist es zu verstehen, daß die Polen nun an die Schaffung einer ihrer nationalen Pflicht voll nachkommenden polnischen Stadtbevölkerung dachten, da diese Pflicht doch von anderen nicht erfüllt wurde. Und so setzte die polnische Mittelstandsbewegung ein, eine Bewegung, die naturgemäß eine antisemitische Form annehmen mußte. Der Pole, der Einlaß zur Stadt begehrte, fand das Tor verschlossen. Handel und Handwerk lagen in den Händen der Juden. Mir fällt dabei ein: In einer Rede von Aberson auf dem Kongreß der zionistisch-demokratischen Fraktion im Jahre 1901 wurde die Siedlungsbewegung in der Hauptsache ebenfalls auf diese Ursache, die Feindschaft der durch Zuzug vom Lande erstarkenden Stadtbevölkerung gegen das jüdische, seine Entwicklung hemmende Element zurückgeführt. Die polnische Gesellschaft fühlte das instinktive Bedürfnis, die städtische Bevölkerung zu unterstützen. So kam es zur Gründung der Konsumvereine, die schon vor etwa 20 Jahren zu der Agitation mit der Losung: „Kauft nicht bei Juden!" führte. Das System des Boykotts ist nur die logisch notwendige Weiterentwicklung dieser Bestrebung. Zur Zeit der russischen Revolution schien eine Besserung im Verhältnis von Polen und Juden eintreten zu wollen. Das war verständlich. Zunächst einmal schien den Polen der Anbruch der Befreiung in die nächste Nähe gerückt, und dadurch kam natürlich ein starker liberaler und sozialer Geist auf. Die jüdischen Arbeiter nahmen zusammen mit den polnischen an der Revolution teil, was zu einer starken gegenseitigen Annäherung führte. Ein Teil der polnischen Arbeiter beteiligte sich nicht an der Boykottbewegung, kehrte sich auch heute nicht daran. Die sozialen Gegensätze wurden immer schärfer, und die Juden konnten sich auf die Liberalen stützen. Mit dem Überhandnehmen der Reaktion in Rußland trat jedoch eine Wendung zum Schlimmen ein. Die verzweifelte Stimmung griff wieder um sich und damit kamen die Realpolitiker wieder hoch. Die so bald erhoffte Befreiung war wieder auf lange Zeit vertagt. An Stelle der Hoffnung trat das Bedürfnis, die realen Bedingungen für die Erlösung zu schaffen, d. h. die materielle und geistige Hebung des polnischen Volkes und besonders die Entstehung des städtischen Mittelstandes in die Wege zu leiten. Und es muß gesagt werden: In Polen standen die Juden in politischer Hinsicht nicht auf der Höhe der Schweden, wie andererseits die polnischen nationalen Demokraten nicht auf der Höhe der Jungfinnen standen. Die polnische Demokratie verhielt sich wie die Altfinnen und wie Esthen und Letten in den achtziger Jahren. Dadurch konnte Rußland wieder seine alte Politik mit Erfolg betreiben: es hetzte die beiden Völker gegeneinander auf und erwürgte beide zusammen. Nun kam noch die Wahlaffäre, und diese schlug dem Faß den Boden aus. Die Zahl der Abgeordneten für Polen war von 35 auf 10 herabgesetzt worden,