Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 261 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden 261 Sache der russischen Regierung, ohne die die polnische Gesellschaft nichts tun konnte. Eine Agrarreform im Sinne einer Verteilung von Adelsgütern unter die Bauern war aber den polnischen Adligen nicht genehm, konnte vom nationalen Gesichtspunkt aus auch nicht erwünscht sein, war doch der Adlige damals der einzige Träger der nationalen Kultur in Polen. Zur Hebung des landwirtschaftlichen Betriebs dagegen wäre eine höhere Bildung des Bauern erforderlich gewesen, und eine solche konnte man ihm in seiner Sprache nicht geben. Anfangs setzten die Polen auf die Auswanderung große Hoffnungen. Man dachte an die Gründung eines besonderen Staates in Nordamerika (in Brasilien ist es übrigens den Polen wirklich gelungen, sich ein kleines derartiges Zentrum zu schaffen). Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Die nach Amerika (ebenso wie die später nach Sibirien) Ausgewanderten gingen dem polnischen Volke verloren. So erhob sich die einfache Frage: Warum können diese Teile der Landbevölkerung nicht in den Städten Aufnahme finden? In dieser Weise könnte eine polnische Stadt geschaffen werden, zumal die anwachsende Industrie in der Tat Mengen von Arbeitern verlangt. Aber warum nur Arbeiter? Warum nicht auch polnische Kaufleute und Handwerker?" Solch eine Bestrebung hat an und für sich keine Angriffstendenz, solange der Starke sie nicht zur Unterdrückung des Schwachen ausnützt. Und wie notwendig eine auf polnischer Grundlage erbaute Stadt für die Polen war, das hätten sie in den letzten Jahren aus den Erfahrungen der anderen Völker lernen können. 1887 hob Rußland die Autonomie der Ostseeprovinzen auf, indem es sich die Reibungen zwischen den hauptsächlich auf Güter und Städte beschiänkten Deutschen und der estnischen und lettischen Land- und niederen Stadtbevölkerung zunutze machte. Diese nationalen Gegensätze zwischen Stadt und Land wurden benutzt, um die Freiheit der Ostseeprovinzen zu vernichten. Ähnliche Verhältnisse, nur nicht in so ausgeprägter Weise, bestanden auch in Finnland. Die Altfinnen, im wesentlichen agrarische Partei, trauten den russischen Versprechungen und begannen den Russen Konzessionen zu machen und die Schweden zu bekämpfen; aber auch diese machten Zugeständnisse und zogen so die städtischen Finnen, die Arbeiter und einen Teil der Agrarier an sich. Drei Parteien, die Jungfinnen, die Schweden und die Arbeiter, führten gegen das Russentum einen dauernden Krieg, nicht mit den Waffen, sondern durch passive Resistenz. Kamen russische Kaufleute nach Finnland, so vermietete ihnen kein Finne eine Wohnung, keiner kaufte von ihnen, keiner verkaufte an sie, kein Russe wurde in irgend einem Betriebe beschäftigt. Auf diese Weise wurde das Entstehen einer russischen Bevölkerungsschicht in Finnland unterbunden. Erließen die Russen in Finnland ein Gesetz ohne Zustimmung des Landtags, so kehrte sich der Finne nicht daran; wurde er zum Heeresdienst einberufen, folgte er der Aufforderung nicht; wurde er bestraft, so ertrug er seine Leiden willig und beharrte nach Verbüßung der Strafe weiter bei seinem Widerstande. Kam ein russisches Nationalfest oder eine dynastische Feier, so schlössen sich die Finnen abends ln den Häusern ein und löschten alle Lichter aus; nur die russischen Beamten und das russische Militär feierten. Wurde eine russische Schule eröffnet, so wurde kein finnisches Kind hingeschickt. In dieser Weise erhielt Finnland seine Art Revolution und dadurch seine nationale Existenz aufrecht, auf friedlichem, loyalem Wege, ohne Exzesse und Gewalttaten. Diese Taktik wollten die Polen ebenfalls anwenden; aber die Stadt war ja in der Gewalt von Nicht- Polen. Auch ein passiver Widerstand erfordert in gewissem Sinne Aktivität;