Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 263 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 263 außerdem waren durch die Junigesetze noch 2 russische Wahlkreise eingerichtet worden. Zur Behauptung dieser geringen Zahl von Mandaten war daher die Bildung eines polnischen Blocks ein notwendiges Erfordernis. Warschau hatte nur einen polnischen und einen russischen Abgeordneten zu wählen, und es ist verständlich, daß die Polen für ihre Kandidaten einen Nationalpolen haben wollten. Der einfachste Weg für uns wäre gewesen, mit den Polen eine Verständigung in der Weise zu erzielen, daß auf Lodz ein jüdisches Mandat fallen, der Kandidat aber von den Juden ohne fremde Einmischung aufgestellt werden sollte, dafür Warschau den Polen zu überlassen wäre. Wenn dann Warschau einen fortschrittlichen Kandidaten wählte, würden ihm auch die Juden ihre Stimme geben, im anderen Falle würden sich die Juden überhaupt nicht an der Wahl beteiligen. Wenn z. B. die Griechen in Jerusalem zu den Juden kämen und zu ihnen sagten: „Wählt in den Stadtrat einen Juden, der uns paßt, wenn er auch euch vielleicht nicht genehm ist", würden wir sie nicht auslachen? So war also die Wahl des Sozialisten Jagiello kein Zugeständnis, da ja die Nationalpolen ihn nicht als Kandidaten wollten. Andere mögen die Bundisten für die besten Juden halten, für den Nationaljuden müssen sie schließlich doch als Juden zweiten Ranges gelten. Wollen sie doch jetzt z. B. an der gemeinsamen jüdischen Arbeit in Polen, der „Kol-Jisroel-Politik", wie sie sie nennen, nicht mehr teilnehmen, und das in dieser Zeit! Was war Jagiello anders in den Augen der Nationalpolen? Die Juden hätten etwa folgenden Protest veröffentlichen können: „Wir können zwar einen der Unsrigen in die Duma wählen, wollen aber, da wir das historische Vorrecht der Polen anerkennen, diesen die Wahl eines Nationalpolen überlassen; wir protestieren jedoch energisch gegen die Wahl eines Antisemiten." Das wäre gerade von unserem nationalen Standpunkt aus der passendste Weg gewesen; denn jede Nation muß die nationalen Rechte anderer anerkennen*). Leider ist in Warschau nicht so verfahren worden. Der Haß loderte auf, und jene „Boykott"parole wurde ausgegeben, die die Existenz der gesamten polnischen Judenheit aufs schwerste gefährdete und zu einem moralischen Niedergang des polnischen Volkes führte. Palästina Jakob Rabinowitsch AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN V. Geburt 2. Schwangerschaft. Ein Glückshauch durchweht das Haus, sobald die Mutter ihren allernächsten Verwandten verrät, sie hätte von der jungen Frau erfahren, daß der Segen Gottes unterwegs sei. . . Die Mutter bzw. Schwiegermutter widmet nun der jungen Frau ihre besondere Aufmerksamkeit, läßt sie nicht mehr allein und betreut sie mit jener der jüdischen Mutter ureigenen hingebungsvollen Liebe* Sie wie die ganze *) Ein polnisches Mandat für Warschau ist ebenso eine Ehrenfrage für Polen, wie es ein jüdisches in Jerusalem für uns wäre, wenn die Jerusalemer Juden ein normales Element bildeten.