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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
Date
1919-01-01
Page
260 (sequence 7)
Language
German
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2Ö0 Jakob Rabinowitsch: aus jener Gesellschaftssphäre, hatte aber von dieser Liebe nur Leiden. Er war der erste, der für eine Assimilation an die Russen eintrat. (Später, nach den Pogromen ist er bekanntlich ins Lager der Chowewe Zion übergegangen.) Diese negative Stellung zu Polen entstammte dem inneren Bedürfnis nach Selbstrechtfertigung. Das Überlaufen von der Partei der schwachen zur stärkeren Seite erforderte eine solche, und so entstand eine neue Ideologie: die absprechende Einschätzung Polens und der Glaube zunächst an das Wohlwollen des Zaren und dann an den russischen Bauern mit seiner Lauterkeit und Güte (Benjamin Mandelstamm in seinem „Chason lammoed"; der russische Bauer aus dem Bezirk Smolensk gilt infolge seiner Begeisterungsfähigkeit als der wahre Erbe der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob). Eine wirklich historische Auffassung von den Dingen haben wir nie gehabt, haben wir auch jetzt nicht. Nur für den Augenblick haben wir immer gelebt, leben wir noch immer. Und das Bedürfnis nach Ausgleich und Anpassung erzeugt bei uns sofort die nötige praktische Umwertung aller Werte. Als ob ein Engel käme und den Juden durch einen Schlag auf den Mund alles vergessen ließe, was er im Laufe von Jahrzehnten, ja oft Jahrhunderten gelernt hat. Heute Chowewe Zion, morgen Territorialismus. Heute hebräischer Fanatismus, morgen Jiddischismus! Wankelmütiges Volk! Und so wurden die Polen durch Lewandas und Smolenskis Schuld aus Engeln zu Teufeln. Und gerade Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre war in polnischen Kreisen eine ganz entgegengesetzte Auffassung herrschend. Einige der Schriften Mendeles (darunter „Die Kliatsche") wurden damals ins Polnische übersetzt, nicht von Juden, wie es bei der russischen Übersetzung der Fall war, sondern von einem christlichen Vollpolen, einem begabten und angesehenen Schriftsteller, Klemens Junosza (der später Asemit, d. h. Halbantisemit geworden ist). Und im Pogrom jähre 1882 veranstalten polnische Literaten in Warschau ein Bankett zu Ehren Mendeles. So stand man damals zum Jargon und seinen Literaten! Eliza Orzeszkowa schrieb ihre Erzählungen aus dem Leben der Juden und stand damit nicht allein: Kraszewski, damals der bedeutendste polnische Erzähler, Maria Konopnicka, die Sängerin der polnischen Ideale, Swi^tochowski und viele andere gesellten sich im Laufe der Jahrzehnte zu ihr. Was beweist das alles? Daß die Polen von den Juden mehr wußten als die Russen. Zu einer Zeit, als es schwer war, selbst bei den vorurteilsfreisten russischen Erzählern (Turgenjew, Tschechow) einen jüdischen Typus zu finden, der keine Karikatur war, kannten sie den Juden fast von allen Seiten, und ihre Haltung konnte daher ehrlicher und wahrhaftiger sein. Aber gerade zu dieser Zeil, um die Mitte der achtziger Jahre trat eine neue Strömung in Polen auf, die ihren Ausdruck in den beiden Zeitschriften „Glos" und „Rola" fand. Die erstere stand im Grunde dem Antisemitismus ziemlich nahe, die letztere war ausgesprochen antisemitisch. Und diese Bestrebung ist es erst gewesen, die die jetzige antisemitische Bewegung in Polen hervorgerufen hat. Die beiden Zeitschriften begannen für die Schaffung eines städtischen Mittelstandes Propaganda zu machen. Diese Wendung war an und für sich durchaus berechtigt. Zunächst nämlich gab das platte Land ständig neue Menschenmassen ab, denen nnr zwei Wege offen standen: in die Stadt oder ins Ausland. Die Einführung einer Agrarreform oder die Hebung der Landwirtschaft war

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