Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 259 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden 259 geworden. An den Einheitskämpfen Italiens, ebenso am ungarischen Freiheitskrieg waren zahlreiche Juden beteiligt. So etwas bringt die Völker einander näher, erweckt Liebe, führt zur Einigung. Warum stehen die freiheitlichen Kreise Rußlands den Juden mit Vertrauen und Sympathie gegenüber? Weil Tausende und Abertausende von den Juden an der Revolution teilgenommen haben. In Polen dagegen lagen die Dinge ganz anders. Der Aufstand, der den Polen gezeigt hatte, daß auf niemand Verlaß war, hatte ihnen auch gezeigt, daß sie keine wirklich polnische Stadt hatten. Sie verstanden auf einmal, daß ohne eine solche für eine Revolution kein Boden vorhanden war. Das Frankreich der Revolution war gegen ganz Europa ins Feld gezogen und hatte sich behauptet. Die französische Stadt hatte ihre Kräfte hergegeben, neue Erfindungen gemacht, neue, aufgeklärte, ihrer Aufgabe gewachsene Menschen hervorgebracht. Polen dagegen hatte keine eigene Stadt gehabt und war der Teilung anheimgefallen. Niemand, der am Aufstand teilnahm, niemand, der mitkämpfte! Und trotzdem Rußland und Österreich damals auch gegen die Türkei und später gegen Frankreich Krieg geführt hatten, was für Polen doch ein Vorteil hätte sein können, und trotz der Unstimmigkeiten zwischen den beiden Mächten selbst — trotz alledem war Polen gefallen, weil keine den Kampf führende Bevölkerungsschicht da war. Die polnische Stadt hatte gefehlt, und dies war nicht nur 1863 der Fall gewesen, sondern blieb auch so in den folgenden Jahrzehnten. Die Stimmung der Polen nach dem Aufstand glich in vielem der der jüdischen Intelligenz nach den Pogromen in Rußland zu Beginn der 80 er Jahre. An Stelle des Glaubens an Bildung, Fortschritt und baldige Gleichberechtigung trat hier Skepsis gegenüber Europa und seiner Bildung. „Zu deinen Zelten, Israel!" war die Parole jener Zeit. „Wenn ich nicht für mich bin, wer denn?" Ebenso war die Wirkung des mißglückten Aufstandes auf die Polen. Auch nach dem Aufstande von 1830 hatte eine ähnliche Stimmung die polnischen Kreise beherrscht. Die Mystik eines Towianski und Mickiewicz, der Glaube an die Leidens- und Erlösungsmission des polnischen Volkes war ebenfalls der Ausdruck einer Periode nationaler Verzweiflung. In Genf hörte ich einmal den Vortrag eines polnischen Professors aus Lausanne über diese „Mission", in der der Redner an die jungen Juden die Aufforderung richtete, für das polnische Volk zu arbeiten, welches das Erbe der Mission Israels sei; nachdem das jüdische Volk seine Mission erfüllt habe, sei der gegenwärtige Träger der Mission das polnische Volk. Das war noch ein Rest jener Ideologie in veränderter Form. Nach dem Jahre 1863 kam die Reaktion noch fühlbarer zum Ausdruck. Eine Selbstkritik setzte ein, ähnlich der Achad Haams nach dem „Krach*' der Chowewe Zion oder der der „Wjechi" („Grenzpfähle", eine 1909 entstandene, damals sehr einflußreiche russische Sammelschrift) nach dem Scheitern der Revolution. Nach dem Fall Polens machte sich auch in den Kreisen der gebildeten Juden das Bedürfnis geltend, für sich einen neuen Stützpunkt zu finden. Smotenski und Lewanda waren die ersten, die Polen gegenüber jene negierende Stellung einnahmen. Smolenski stand in Wirklichkeit außerhalb; nur der Künstler in ihm spürte, daß eine Veränderung in den gegenseitigen Beziehungen der Polen und Juden eingetreten war. Lewanda dagegen stand gerade den revolutionären polnischen Kreisen nahe; er liebte ein polnisches Mädchen i7*