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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
Date
1919-01-01
Page
258 (sequence 5)
Language
German
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258 Jakob Rabinowitsch: in der Erzählung von Lewanda „Hasman haroteach" und später in Smolenkis „Gemul jescharim" eine neue, negierende Haltung in Erscheinung. Und interessant ist es zu verfolgen, wie auch in dem Verhalten der Polen eine Änderung bemerkbar wird. Vorher waren z. B. Mickiewicz und viele andere von reinem Humanitätsgefühl durchdrungen gewesen. Brandes erzählt in einem Feuilleton folgenden Vorfall: Während seiner Verbannung in Paris ging Mickiewicz einmal am 9. Ab in die Synagoge, um dem Rabbiner seine Teilnahme an der nationalen Trauer der Juden auszusprechen. Wie empört war er, als er von dem Rabbiner vernahm, daß die französischen Juden gar keine Sehnsucht nach Palästina hätten und für sie Frankreich das gelobte Land sei. Das war der Standpunkt des liberalen Polens! Die polnischen Emigranten kämpften damals als Freiwillige in allen Revolutionen, in den Freiheitskriegen aller Völker. Polnische Emigranten fochten auf den Barrikaden in Paris, in den deutschen Hauptstädten, unter Koszuth in Ungarn und in der Freischar Garibaldis. Nach dem unglücklichen Aufstand zogen sich die polnischen Patrioten zurück. Sie hatten es erlebt, daß ihnen kein Volk zu Hilfe gekommen war. Es begann eine Abrechnung, die schließlich zu nationalem Egoismus führte. Polen krampfte sich in seinen Leiden zusammen. Die Verzweiflung übermannte es. Seine besten Patrioten hatten ihr Leben auf dem Schaffott, in den Steppen Sibiriens, in Zwangsarbeit, in der Fremde beschlossen. Inzwischen tat die russische Regierung einen Schritt, der dazu beitrug, die Erfüllung der polnischen Befreiuungshoffnungen noch weiter hinauszuschieben. Sie verteilte die Güter der verbannten aufständischen Adligen zum Teil unter die Bauern. Und diese, die am Aufstand kaum teilgenommen hatten, stellten sich nun auf die Seite Rußlands. Wer den großen polnischen Roman von Reymont „Die Bauern" gelesen hat, kann daraus ersehen, wie der polnische Bauer, abgesehen von den alltäglichen Sorgen, höchstens durch alte Prozesse, primitive Instinkte und den Katholizismus bewegt wird. Die Frage der Befreiung Polens hatte selbst in den letzten Jahren für ihn nicht das geringste Interesse. Wer waren die Aufständischen von 1863? Hauptsächlich der Adel und ein Teil der gebildeten Stadtbevölkerung. Das Land hatte keinen Anteil genommen, auch die meist jüdische Stadt war fern geblieben. Die Juden standen zwar damals den Polen freundlich gegenüber, aber Freundschaft ist noch nicht aktive Teilnahme. Die Manen Berko Joselewicz', des napoleonischen Offiziers, und seiner Freischar hatten nur wenige zu begeistern vermocht. Das Volk stand ohne Anteilnahme abseits. Warum? Weil die polnischen Juden damals auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe waren. Mangelnde Teilnahme am Staats« und Gesellschaftsleben ist fast immer ein Zeichen mangelnder Bildung, und die polnischen Juden stehen auch heute noch in ihrer großen Mehrzahl außerhalb der Bildung und des Lebens unserer Zeit. Nimmt dieses Volk an etwas anderem Anteil als an seinem Privatleben und an seinem religiösen Leben? Auch unsere nationalen Bestrebungen finden in den Herzen der breiten Masse kaum einen Widerhall. Unter dem Einfluß von Propaganda und Presse können wohl Einzelne sich für einen Augenblick begeistern und infolge der Trägheit der anderen einen Sieg erringen. Aber ein aktives, kämpf freudiges Element ist das nicht. Bei den Umwälzungen in Deutschland und Österreich, bei den Kämpfen für die Einigung Deutschlands stoßen wir auf Männer wie Jacoby, Moritz Hartmann, Fischhof, Hermann Jellinek — Hunderte von andern Juden sind nicht bekannt

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