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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 257

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
Date
1919-01-01
Page
257 (sequence 4)
Language
German
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Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden 257 Einigung und Kräftigung des Staatswesens in stärkerer Weise zum Ausdruck kommt. Zamojski und sein Anhang, aber auch mehr oder weniger ausgesprochene Gegner seiner Bestrebungen begannen sich mit der Judenfrage zu befassen. Schon damals wurden alle möglichen Arten ihrer Lösung vorgeschlagen, von radikaler Ausweisung bis zu völliger Gleichberechtigung (selbstverständlich fehlten auch nicht Vorschläge zu teilweise und allmählich einzuführender Gleichberechtigung), von der Forderung völliger Assimilation, auch in religiöser Hinsicht, bis zur Gewährung nationaler Rechte unter der Bedingung, daß die Juden alle staatsbürgerlichen Pflichten erfüllten und ein aktives, mitarbeitendes Element des Staates würden. In der Mitte standen Vorschläge, wie Aufgabe des Jargons zu Gunsten des Polnischen (nach einer Forderung sogar Verzicht auf den Gebrauch des Hebräischen im Gebet), Überführung der Juden zur Landwirtschaft, Mischehen zwischen Juden und Christen u. dgl. Als Kuriosum sei auch ein Vorschlag erwähnt, der dahin ging, das Problem der völligen oder partiellen Auswanderung der Juden aus Polen durch Gründung eines besonderen Judenstaates in einem Teil der neuen Welt zu lösen. (Auch der russische Dekabrist Pestel gelangte vor hundert Jahren bei seiner Beschäftigung mit der Judenfrage zu einer territorialistischen Lösung.) Mfit der Verkündung der Konstitution am 3. Mai 1791 erhielten auch die Juden völlige Gleichberechtigung, und wären in Polen damals neue gesicherte Verhältnisse eingetreten, dann hätte gewiß auch die Judenfrage später eine wenigstens in staatsbürgerlicher Hinsicht befriedigende Lösung gefunden. Denn schließlich war auch im bürgerlichen Leben die Zahl derer, die für die Gleichberechtigung der Juden eintraten, groß. Die Befreiung Polens hätte die polnischen Juden auf dieselbe Stufe erhoben, die die Juden West- und Mitteleuropas durch die Befreiung ihrer Länder damals erreicht haben. Polen aber erhielt die ersehnte Freiheit noch nicht. Es wurde geteilt, die Verfassung und die Gleichberechtigung wurden aufgehoben. Als unter der napoleonischen Herrschaft ein Teil Polens frei wurde, kamen die Juden dort wieder zu ihrem Rechte und die Folge davon war das Auftreten Berko Joselewicz' mit seiner jüdischen Freischar. Von 1815 —1830 war Polen zu sehr mit der Erweiterung seiner Grenzen und der Verteidigung seiner Freiheit beschäftigt, als daß es sich mit seiner inneren Erneuerung in erforderlichem Maße hätte abgeben können. Die Schließung der polnischen Universität unter Alexander I. im Jahre 1818 zeigte den Polen, was sie von einem konstitutionellen König von Polen, der zugleich Selbstherrscher aller Reußen war, also mit zweierlei Maß messen konnte, zu erwarten hatten. Nach dem Aufstand von 1831 hörte Polen auf, als selbständiger Staat zu bestehen. Erst 1861—1862 machte sich eine neue Gärung bemerkbar, und Kaiser Alexander II. gewährte unter dem Einfluß des Liberalismus und des „Erneuerers Polens", Wielopolskis, Polen zahlreiche Erleichterungen, darunter den Juden fast die völlige Gleichberechtigung, was damals mit zu den Forderungen der polnischen Liberalen gehörte. 1863 brach dann der Aufstand aus; nach seinem Mißlingen blieben trotzdem die Rechte der Juden in gewissem Umfange bestehen. Der Code Napoleon blieb weiter das Gesetzbuch Polens, und Teile der Judengesetzgebung, die zu seinen Paragraphen gerechnet wurden, blieben auch unter Alexander III. in Kraft und wurden erst ganz allmählich aufgehoben. Bis zum Jahre 1863 war sowohl in der Literatur wie im Leben unsere Stellung zu den Polen durchaus positiv. Erst nach dem letzten Aufstande trat Heft 6t j*j

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