Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 256 (sequence 3)
- Language
- German
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256 Jakob Rabinowitsch: Während aber in Westeuropa das Königtum auf Kosten des Feudaladels erstarkte, blieb dessen Stellung in Polen unerschüttert. In Europa spielten die Könige die Städte gegen den Adel, den Adel und das Söldnerheer gegen die Städte aus, getreu dem Grundsatz: Divide et impera. So entstand in Europa die absolute Monarchie. Aber das Erstarken des Absolutismus in Europa bahnte durch die Aufhebung der weitgehendsten Privilegien des Feudaladels (es blieben ihm dabei noch Rechte genug!) und der Macht der freien Städte sowie durch die Beschränkung des Zunftwesens den Weg zum freien Wettbewerb für den einzelnen freien, von der Zunft unabhängigen Bürger. In West- und Mitteleuropa kam so ein neuer Besitzstand auf zugleich mit dem Bestreben, Industrien in weitgehendstem Maße zu begründen. Die Städte erwachten auf veränderter Grundlage zu neuem Leben und forderten neue Freiheiten, nämlich die für Handel und Industrie. Von Seiten der Regierungen wurde ihnen durch Aufhebung der Zölle und sonstiger die einzelnen Teile des Staates trennenden Schranken weitgehende Unterstützung zuteil; damit allein konnten sie sich jedoch nicht zufrieden geben. Mit dem freien Handel war auch das Bedürfnis nach einem freien Menschen entstanden; die Industrie brauchte den Arbeiter, und diesen konnte nur das Land, die leibeigenen Bauern liefern; Aufhebung der Leibeigenschaft und Freizügigkeit waren also die notwendigsten Forderungen. Das neu erwachsene moralische, humanitäre und bürgerliche Gefühl forderte ebenfalls seine Rechte, und es kam die französische Revolution (vorher die englische und die amerikanische) mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Da entstand auch in Polen eine solche Bewegung. An ihrer Spitze stand ein Adliger (wie Mirabeau in Frankreich), der Graf Zamojski. Die letzten Könige von Polen verhielten sich dieser Bewegung gegenüber freundlich], weil sie bei ihr eine Unterstützung in ihrem Kampfe gegen den Feudaladel fanden; der konföderierte Feudaladel andererseits suchte die alte Ordnung der Dinge aufrecht zu halten und rief schließlich die russische Kaiserin Katharina zu Hilfe. Damit wurde die Teilung Polens eingeleitet. Eigentlich hatte sie schon vorher begonnen. Die drohende Gefahr hatte die Geister aufgerüttelt, boten doch die Verhältnisse keineswegs Grund zur Zufriedenheit. Der Feudaladel stand in voller Macht, die Stadt lag noch in den Anfängen ihrer Entwicklung und war in den Händen von Deutschen und Juden. Der Bauer ist bekanntlich kein revolutionäres Element. Er kann wohl Unordnung stiften, ist aber gleich darauf wieder imstande, eine konservative Stütze zu sein. Die Revolution beginnen und durchführen kann nur der Städter. Paris und Marseille haben die Neubegründung Frankreichs ins Werk gesetzt. Der Streik der Eisenbahnarbeiter hat Rußland zu einer Verfassung verholfen; die russischen Bauern dagegen stifteten nur einige Agrarunruhen an und riefen die Gegenrevolution hervor. Graf Zamojski und seinö Anhänger waren sich dieses Umstands bewußt, und so wurden ihnen die Städtefragen und besonders die Judenfrage zu brennenden, Lösung heischenden Problemen. Es galt jetzt, dje verschiedenen Elemente des Landes zusammenzuschließen, es war weiterhin notwendig, eine liberale, nicht indifferente polnische Stadt zu schaffen, die dem Aufbau eines konstitutionellen Staatswesens als Stütze dienen konnte. Ein „Staat im Staate" erschien jenen polnischen Patrioten als das Furchtbarste. Die Juden mußten also völlig dem Staatsverbande eingegliedert werden. Furcht vor einem „Staat im Staate" tritt immer dann auf, wenn das Streben nach