Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 255 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Juden 255 und auch zum niederen Adel. Die Reihefolge der Reichsstände war diese: hoher Adel (mit dem König als primus inter pares), Geistlichkeit und Klöster, niederer Adel, Händler- und Handwerkerzünfte (in den freien Städten mit magdeburgischem Recht), dann der „freie" Stand der „Kammerknechte", die Juden, und schließlich die leibeigenen Bauern. Diese Ständefolge war die in Polen "herrschende; sie bildete die Grundlage des ganzen Staatslebens. Natürlich war sie nicht absolut feststehend. Es traten Bedingungen oder Faktoren zeitlicher oder örtlicher Art ein, die die Reihenfolge durchbrachen und hier und da Abweichungen hervorriefen. So gab es z. B. ausnahmsweise „freie" Bauern und andererseits dienstbare Adlige. Die Juden erfuhren entsprechend ihrer besonderen wirtschaftlichen Lage eine besondere Behandlung. In den Hauptstädten und den großen, nach magdeburgischem Recht geleiteten Städten,, die einen mächtigen, freien christlichen Bürgerstand hatten, wohnten die Juden im Ghetto; mitunter hatten sie dort überhaupt kein Wohnrecht; zu Zeiten wurden sie von dort ausgewiesen und auch wieder zurückgerufen. In den Flecken und Mittelstädten dagegen bestand kein Ghetto, weil dort der Jude die höchste, wichtigste, mitunter die einzige freie Bevölkerungsschicht bildete. Der König war den Juden, je nachdem er mehr zum Adel oder mehr zu den Städten hinneigte, mehr oder weniger günstig gesinnt. Die Adligen waren fast immer auf den Juden angewiesen. Kasimir der Große brauchte Juden und Deutsche und gab ihnen Privilegien. Einer der Sigismunde verhängte unter dem Einfluß der freien Städte die Ausweisung der Juden; der Adel aber kehrte sich nicht daran, und der Ausweisungsbefehl wurde dann wieder rückgängig gemacht. Die tolle Laune der allmächtigen polnischen Adligen machte es der Sage nach möglich, daß ihr Liebling Saul Wahl für einen Tag König von Polen war. Der polnische Edelmann war wie der Feudalherr in den übrigen Ländern. Auch in Deutschland z. B. kam es im Mittelalter und noch später vor, daß der freie Adlige einen Er^aß des Kaisers einfach aufhob, ebenso in Frankreich und England. Es ist daher ohne weiteres verständlich, daß zur Zeit des Chmielnicki-Aufstandes die polnischen Adligen, namentlich Jeremias Wisniowiecki, (letzterer und noch einige andere geradezu mit eigener Aufopferung) die Juden gegen die kosakischen Chlopen (Knechte) verteidigten. Romantik ist hier ebenso wenig am Platze wie Erregung. Alles hängt eben mit den ökonomischen, politischen und dynastischen Verhältnissen des Landes zusammen. Auch die Kirche spielte dabei eine Rolle, zu Zeiten für, zu Zeiten gegen die Juden. Auch sie hatte, wie bekannt, Ländereien und Städte im Besitz und war infolgedessen ebenfalls auf die Juden angewiesen, andererseits war sie nun einmal Kirche und hatte deren Standpunkt zu vertreten. Diese Verhältnisse bilden den Schlüssel zum Verständnis der Lage der Juden in Polen. Die Vierländersynode war eine Art Gegenstück zu dem Bund der freien Städte; nur befaßte sie sich nicht mit Politik und übte auch keinen Einfluß auf sie aus. Sie hatte daher auch lange Zeit hindurch keinen Gegner. Als politischer Faktor kam sie eben nicht in Betracht. Zur Zeit gesteigerten religiösen Lebens haben die Staaten bekanntlich keine national-chauvinistische Politik geführt, entsprechend steht das Zeitalter des Nationalismus religiösen Fragen gleichgültig gegenüber. Die* jüdische Autonomie erregte keine Unzufriedenheit, weil sie keinerlei politische Privilegien beanspruchte. Und wenigstens de*i Juden gegenüber hatten die Polen dazumal keinen Grund zum Mißtrauen.