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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Unsere Selbstprüfung
Date
1919-01-01
Page
253 (sequence 11)
Language
German
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Unsere Selbstprüfung 253 des Lebens. Und noch etwas Entscheidendes: das Leben muß Leben sein, nicht Ideal und nicht Arbeit um des Ideals willen. Im Leben besteht das Schaffen nicht im Ideal, es kommt auf das eigene Leben an. Neues Leben schafft nur derjenige, der das eigene Leben neu schafft. Wenn junge Leute ihre besten Jahre opfern, um für unser Volk eine Zukunft zu schaffen, so sehen wir darin eine grausame Notwendigkeit, eine vorbereitende Arbeit, wie das Entsteinen des Bodens zum Säen oder Pflanzen — eine schwere Arbeit, die an und für sich unfruchtbar ist Das Lichtvolle dieser Vorarbeit ist eine Art Vorschuß auf Rechnung der Zukunft. Das lebendige. Schaffen aber oder das schöpferische Leben beginnt erst, sobald der junge Mann sein Eigenleben in derjenigen Form beginnt, die ihm als Ideal vorschwebt. Dies aber ist ohne Familienleben unmöglich. Ein Leben bauen kann der junge Mann nur mit der geliebten Frau. Wird neues Leben ersehnt, so muß das Familienleben sich in neue Formen kleiden. Reine Natürlichkeit in den Beziehungen zwischen Mann und Frau — das muß die Grundlage sein. Dann wird das Familienleben nicht ein Fäulnisherd unserer nationalen und menschlichen Arbeit sein, sondern eine Quelle von Stärkung und Erhellung, wenn einmal die von der Natur vorgeschriebene Gemeinsamkeit der Kräfte für uns dienstbar gemacht werden wird. Was uns fehlt, ist nicht so fern von uns. Es ist sehr nahe unserem Herzen und Geist, wir haben aber das Hauptsächliche noch nicht erfaßt. Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Wie ist es auch möglich, nicht darüber nachzudenken, wenn hier, wo wir ein natürliches Leben führen könnten, Wunden heilen, uns selbst bessern könnten, hier, wo es auch an passenden Menschen nicht mangelt (suchen wir doch nicht gerade nach Engeln), — wenn nun hier unser Werk nicht den gewünschten Erfolg hat, wegen eines unerklärlichen, unerfaßbaren Schädlings, der in den Tiefen zerstört, was wir an der Oberfläche bauen? Häufig erhebe ich meine Augen zu den Bergen: woher kommt die Hilfe? Und die Antwort ist fast die alte, nur etwas innerlicher: Die Hilfe kommt von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Es fehlt uns der religiöse Gedanke, der Gedanke, daß wir vor allem ein neues Verhältnis zur Natur und zum Dasein herbeizuführen haben; es fehlt uns ein weltmenschlicher Gedanke, eine Lebensgrundlage, die die Seele beherrscht. Es fehlt uns das Religiöse in unserer nationalen Arbeit, dasjenige, was große, welterneuernde Religionen bewegt hat. Ohne solchen Glauben an unsere Arbeit, ohne solch elementare seelische Kraft werden wir kaum viel schaffen. Nicht umsonst glaubt das Volk nicht an eine Erlösung ohne übernatürliche Kraff. Wer ersetzt uns, was uns fehlt? Wer verleiht uns die Kraft? Ich erwarte keinen Propheten und suche keinen. Der Prophet erlöst das Volk nicht, weil er nicht den Menschen erlöst. Das Prophetentum muß das ganze Volk, den ganzen Menschen ergreifen. Eine Erlösung durch einen Propheten würde so aussehen, wie die früheren Erlösungen, die nichts als Haß und Lüge und deren Folgen zur Welt brachten. Das würde wiederum eine Erlösung für die Großsprecher, für erhitzte Phantasten, für Kraftmeier aller Art, ob in physischer oder in geistiger Hinsicht (vom Standpunkte der menschlichen Erlösung ist der Unterschied zwischen beiden nicht sehr groß). Das Volk — das ist der Prophet, der Mensch — das ist der Erlöser! Ich glaube an die Kraft des Volkes, solange ich an den Menschen, an das Leben glaube. Nur schadet uns der Wind von außen, der uns in alle Richtungen zerstreut und uns nicht zu uns kommen läßt. Es fehlt

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