Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 252 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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252 A. D. Gordon: worden wegen der Künstlichkeit ihrer Bestrebungen. Diese Künstlichkeit war aber notwendig und hat zum heutigen Zustande des gesprochenen Hebräisch geführt. Zwar gibt es noch immer etwas Künstliches in unserem Hebräischsprechen, und mancher Ästhet enthält sich deshalb des Hebräischsprechens. Das ist aber ein Mißverstehen. Im Sprechen ist etwas Künstliches, weil wir darin nicht geübt sind, aber in unserem Streben, unsere Sprache zur lebendigen, natürlichen zu machen, ist nichts Künstliches, sondern im Gegenteil echte Natürlichkeit. So ist es mit allem Neuen im Anfang. Jedes Schwimmen gegen den Strom ist künstlich, aber es bringt zum erhofften Ufer, zur erstrebten Natürlichkeit. Wenn man das beherzigt hätte, wären viele geheilt, einerseits von ihrem nichtsnutzigen Ästhetentum und andererseits von wirklicher Künstlichkeit. Nicht minder sollten dies diejenigen beherzigen, die die Wahrheit in unserer Selbstverneinung und das Heldentum in der Bekämpfung der Überlieferung sehen: statt daß sie fürs Volk Sünden bekennen, die nicht wieder gutzumachen sind und deren Beichten zu nichts verpflichtet, mögen sie betrachten, was näher liegt, was gutzumachen ist und was verpflichten kann. Wenn ihr die Wahrheit sucht, geht arbeiten! Statt mit Windmühlen zu kämpfen, bekämpft eure leiblichen und geistigen Gewohnheiten, unseren Geschmack und Begriff von einem breiten, tiefen und schönen Leben — lebt ein Arbeits- und Naturleben! Wenn ihr wirklich ein breites und tiefes Leben sucht — nicht mit dem städtischen Meter, sondern mit einem höheren Maßstab gemessen —, so könnt ihr es hier finden. Hier ist ein genügender Sehraum vorhanden, um zu erkennen, daß große Zusammenhänge nicht die städtischen sind, wo der Mensch sich verirrt wie die Spinne im Spinnetz, wo sich auszudehnen eine Abschnürung anderer, wo Großwerden ein Treten über die Köpfe anderer bedeutet. Hier kann man Zusammenhänge lernen vom Himmel, von der Sonne, vom Wind, von den Bergen, vor denen es nicht Groß und Klein, Wichtig und Unwichtig gibt. Der Mensch, der Wurm, sie selber und die ganze Welt — alles ist eins. Eine der Ursachen des lückenhaften Lebens unserer jungen Arbeitenden liegt im Fehlen eines Familienlebens. Diese Erscheinung entstammt nicht den wirtschaftlichen Verhältnissen Palästinas, sondern ist aus der Diaspora mitgebracht. Und auch dort ist sie nicht allein wirtschaftlich, sondern aus dem Einfluß der umgebenden Völker zu erklären. Wir wollen dahingestellt sein lassen, ob das späte Heiraten im Leben anderer Völker von Segen ist. Jedenfalls haben sie sich im Laufe von Generationen daran gewöhnt, so daß man den Schaden nicht so sehr merkt. Bei uns aber fand in dieser Hinsicht eine stille Umwälzung in einer Generation statt. Die Folgen sehen wir. Die Hauptursache der übertriebenen Nervosität unseres Geschlechts ist auf diese Umwälzung zurückzuführen. Daher die schlechten Augen, die kranken Zähne, die frühzeitige Glatze, das gartze Frühwelken unserer männlichen und besonders unserer weiblichen Jugend. Wie viele Äußerungen und seelische Beziehungen unserer Jugend lassen sich nur aus frühzeitigem Altern erklären! Eine Erscheinung von außerordentlicher Tragik; und doch klagt darüber niemand, obwohl hier mehr in einer Generation vernichtet worden ist, als durch die Überlieferung im Laufe aller Generationen. Auch hier müssen wir von uns selbst heraus das gewünschte Eigentliche heraussuchen. Ohne Familienleben gibt es keinen Volksaufbau. Erst mit dem Familienleben beginnt eigentlich das menschliche Leben mit all seinem Licht und Schatten, mit all seiner Größe und Tiefe, Heiligkeit und Unreinheit. Hier ist der Prüfstein, hier liegt das Geheimnis