Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 254 (sequence 12)
- Language
- German
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254 Jakob Rabinowitsch: uns vor allem die Freiheit der Seele, das natürliche Vertrauen zu uns selber, der starke Wille, die gesunde, einfache, natürliche, freie Mentalität Es fehlt Poesie, die Poesie unserer Seele, Und der Dichter, nicht als Prophet und als Erzieher, sondern als Dichter, als einer der besten Volkssöhne, der etwas zu sagen hat, der einem gebrochenen Herzen etwas bieten kann, vermag hier vieles zu tun. Hier hat er ein Arbeitsfeld, wie es größer nicht gedacht werden kann. Mir scheint, wenn Bialik hier mit uns leben und arbeiten und zwar in der Natur arbeiten und uns das Lied der Arbeit singen würde, so wäre dies so viel wert, wie all seine Gedichte. Ich habe das Gefühl, Bialik würde dies verstehen. Hier könnte Bialik sowohl den Ausdruck unseres Schmerzes wie den Ausdruck unserer Erlösung in Dichtungen kleiden. Nicht etwa so, daß unsere Erlösung bereits bevorsteht, daß bereits die Zeit da ist, unser Lied anzustimmen, wohl aber gibt es hier einen Tropfen Leben, einen mikroskopisch kleinen Tropfen, aber mit diesem Tropfen könnte der Dichter viele Seelen beleben. Ja, nicht nur Seelen, sondern auch Gebeine, dürre Gebeine, und nicht nur hier, sondern in allen Ländern der Zerstreuung. Palästina A. D. Gordon ZUR GESCHICHTE DER BEZIEHUNGEN ZWISCHEN POLEN UND JUDEN*) *« Uber die Lage der Juden im alten Polen bedarf es kaum längerer Ausfühführungen. Das auf Landwirtschaft aufgebaute Polen brauchte Händler und Handwerker, und aus diesem Grunde erhielten dort Deutsche und Juden weitgehende Vorrechte. Jedes Land hat, wenn es auf ein fremdes nutzbringendes Element angewiesen war, ähnlich gehandelt, sei es, daß man eine Adelsfamilie zur Herrschaft ins Land rief, sei es, daß man mit einem anderen Volke eine Verschmelzung einging. So haben sowohl die Könige von Polen als auch die Regierung von Holland, ferner Cromwell, ja sogar der Papst Juden zur Hebung des Handels, des Handwerks usw. ins Land gerufen. Die Spanier und Portugiesen haben zu gewissen Zeiten den von ihnen vertriebenen Juden und den Marannen in ihren überseeischen Kolonien Privilegien für Bodenerwerb, Anlage von Pflanzungen usw. gegeben, bis sich bei ihnen selbst ein eigenes zur Besiedlung fähiges Element entwickelt hatte; erst dann wurden die Fremden auch von dort vertrieben. Wenn in einer größeren Stadt in Polen das deutsche, polnische, litauische, ukrainische, überhaupt ein christliches Bürgertum erstarkt war und die Konkurrenz der Juden fürchtete, so wandte es sich an den König und bat um Beschränkungen für die Juden; aber der „Poriz" war dann der Retter in der Not. Dieser besaß nämlich Ländereien und Marktflecken, die ihm reiche Einkünfte sicherten, und bedurfte der Juden als Pächter, Geldleiher, Händler, Handwerker; deshalb ließ er ihnen seinen Schutz angedeihen. Nur war seine Stellung zu seinen Juden wie die zu seinen Bauern und Beamten *) Die uns im hebräischen Manuskript vorliegende Abhandlung des bekannten palästinensischen Schriftstellers Jakob Rabinowitsch, der wir diese Ausführungen entnehmen, ist bereits vor längerer Zeit verfaßt worden, jedoch nicht zur Veröffentlichung gelangt (Anm. d. Red.).