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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 251

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Unsere Selbstprüfung
Date
1919-01-01
Page
251 (sequence 9)
Language
German
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Unsere Selbstprüfung 251 verleugnet, wie diese Eigenheit auch sei. Von einem solchen Niedergang gibt es kein Sichaufrichten mehr. Man spricht zu uns von Wahrheit. Aber auch Bialik spricht doch die Wahrheit — warum ist in seinen Worten kein Gift? Weil man bei all seinem Zürnen und Strafreden, und selbst beim Aussprechen der bittersten Wahrheit — vielleicht da erst recht — immer empfindet, daß unser Nationalgeist und kein andrer ihm Worte verleiht. Ich sollte das alles vielleicht nicht schreiben. Aber das Herz tut weh, und die Hand schreibt. Das Herz tut weh ob unzähliger Leiden und Erniedrigungen, die größte Erniedrigung inbegriffen, die man Mitleid nennt. Von all dem könnte, wie Leuchtgas aus Kohleabfällen, eine Trostkraft für unsere Zukunftsarbeit kommen, wenn in uns unsere Menschenwürde gesund und natürlich bliebe. Die Davidharfe aber kann eben nur hier, im Lande Israel Wiederaufleben, wo sie auch am nötigsten ist, bei unserer Arbeit, die noch keine, bei unserem Leben, das noch keins ist. ,,Die Schechina offenbart sich nur aus einer weihevollen Freude" — ich möchte hinzufügen: auch aus einem weihevollen Leiden, aber einem gesunden, reinlichen Leiden, nicht einem zerwühlten und vergifteten, aus einem freiheitlichen und nicht einem Galuthleiden. Eigentlich beginnen wir erst hier unseren nationalen Schmerz lebendig zu empfinden. Wir sind wie ein bewußtlos gewesener Kranker, der erst nach der Rückkehr des Bewußtseins seine Schmerzen spürt, erst als er Hand und Fuß bewegen will — und sich dazu allzu schwach fühlt. Jetzt erst beginnt er um seine Zukunft zu sorgen. Hier findet unser Schmerz die Möglichkeit der Gesundung, der schöpferischen Befreiung. Deshalb fühlt er erst recht, daß es keine Erlöser gibt, deshalb fühlt er die ganze Kraftlosigkeit des Galuth. Daher hier das Gefühl der Leere. Schon von Anfang an machte auf mich das Leben in den judäischen Kolonien einen solchen Eindruck. Damals, vor zwölf Jahren, war das Leben noch einfacher, weniger europäisch und städtisch, und doch merkte ich eine Trockenheit, etwas Prosaisches in allem, selbst in Dingen, die im Galuth noch etwas Verklärtes bewahrt haben, wie Sabbat, Synagoge usw. Das wunderte mich um so mehr, als doch die Leute zukunftfroh waren und mit der Natur zu 'tun hatten. Was ich damals vermißt habe, ist bis jetzt nicht ergänzt worden. In unserer Arbeit ist noch Poesie vorhanden, aber es fehlt etwas, besonders an den Feiertagen. Es ist merkwürdig: unser Werktag hier ist viel schöner als der Werktag unserer Brüder in der Diaspora, die Sabbate und Feiertage aber sind im Galuth schöner. Man hat zwar versucht, neue Feiertage zu stiften, aber ist das nicht wie Gedichte auf Bestellung zu machen? Es fehlt eben etwas in der Poesie des Werktags, denn was ist der Feiertag, wenn nicht die Essenz der Poesie des Werktags? Man wird sagen, die Künstlichkeit sei schuld. Man wirft uns häufig die Künstlichkeit unserer Arbeit, des Hebräischsprechens und unseres ganzen Lebens vor. Es gibt Ästheten, die deshalb abseits stehen bleiben, was gewiß leichter und ästhetischer ist, als zu arbeiten und in die Arbeit viel Willen, viel Macht, viel Schönheit der Seele zu versenken, die sie von der Künstlichkeit säubert. Eigentlich liegt hier ein Mißverständnis vor. Denn eine notwendige Künstlichkeit, die aus dem Unangepaßtsein an eine Arbeit kommt, die ihrerseits einem natürlichen Ziel zustrebt, ist keine Künstlichkeit. Es kommt auf die Anstrengung an. Ist die Anstrengung natürlich, d. h. treu, fest und unablässig, so ist alles natürlich, da es zum angestrebten Ziel führt. Wie sehr z. B. sind die Hebräischsprechenden verspottet

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