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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 250

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Unsere Selbstprüfung
Date
1919-01-01
Page
250 (sequence 8)
Language
German
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250 A. D. Gordon: Ist dies der richtige Ton, der uns anregen wird, nach Kräften zu arbeiten und zu leben, zu überwinden, was zu überwinden ist? Ist dies der Ton, der zu Bialik sprechen wird? Bialik hat doch bekanntlich seine Rechnung mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen, ja er ist noch immer dabei, zwischen dem Gestern und dem Heute Brücken zu schlagen. Zwar beanstanden es unsere Verneiner, aber Bialik hat wohl seine eigene Meinung, die nicht zurückweicht vor den Großsprechereien anderer. Jedenfalls sehen wir, daß sich Bialik nicht vom Strom mitreißen läßt und nicht das Gestern aus der Hypnose heraus bekämpft. Bialik ist unsere nationale Schöpfung im selben Maße, in dem er seine eigene Schöpfung ist; eine Schöpfung, deren tiefnationaler Wesenheit sich nicht viele unter unseren zeitgenössischen Schriftstellern vergleichen lassen. Er sollte aber, als Dichter des Galuth im besten Sinne des Wortes, etwas Neuartiges aus Palästina zu hören bekommen. Man wird sagen: woher soll denn ein neuer Ton oder auch nur eine neue Note kommen, wenn sie in unserem Leben nicht da sind, wenn unser Leben so klein und leer ist? Die Sache aber ist die, daß sie da sind; die Seele bezeugt es. Aus einer unbestimmten Ferne, aus einer verhohlenen Tiefe komm'; zuweilen — nicht ein Klang, sondern ein Meer von Klängen, vereinzelte und vermischte, Klänge des Lichts und Klänge des Dunkels, Klänge einer himmlischen Freude und Klänge einer himmlischen Wehmut, besonders einer himmlischen Wehmut, und sie liebkosen einen so sehr. Ein Chaos von Tönen, die keinen Schöpfer, keinen Erlöser haben. Von allen Seiten her wehen zu uns die Winde, wir vermissen aber die Harfe Davids. Klagerufer haben wir, Verzweiflungsschreie, Bekenntnisse begangener und unbegangener Sürtden, es fehlt uns aber die Harfe, die unseren Schmerz erheben soll. Unser Schmerz bleibt zerstückelt, voller Gift — er ist wie wir im Galuth. Wir werden darin ausgebeutet: die anderen verfertigen sich aus unserem Schmerz Leckerbissen, wir aber schlürfen die Hefe mit wunderlicher Leidenschaft, während man uns den Wein des Leidenkelchs, die Poesie und den Heroismus des Schmerzes nicht gönnt. Es wird nicht einmal zugegeben, daß es so etwas gibt oder daß es not tut. Wozu auch? Ist doch das Gift das einzige Heilmittel in der Apotheke unserer Seelenärzte. Wie das alles unser Leben noch mehr vergiftet und unseren Geist noch mehr auflöst! Wenn die anderen über die Juden schimpfen, so könnte man sich darüber hinwegsetzen. Wie aber denkt unsere Jugend, unsere tonangebende Jugend? Gilt nicht auch für sie als absolute Wahrheit, daß unsere Wesensart von Grund aus schlecht sei und daß wir im Wesen anders werden müßten, daß wir zu einer Art Schwamm werden sollen, die alles einsaugt, ohne Eigenes zu haben? Dieser Gedanke wirkt wie ein Alpdruck bei jeder gelegentlichen Beschuldigung von außen und Abwehr von innen; besonders aber beim Nachdenken über unsere nationale Arbeit, über unser eigenes Schaffen. Eigenes Schaffen, dort wo die Wesensart von Grund aus schlecht sei! Da stellt sich sofort der bittere Gedanke ein: ist ein Volk noch lebendig, wenn dies die Wahrheit seiner Jugend, seiner nicht entfremdeten Jugend ist? Wenn in der Seele seiner nachfolgenden Generation die lebendige Wahrheit des Volk-Ichs, das sich ganz auslebt, so weit verwischt worden ist, daß sie nicht mehr seine Mängel bei eigenem Lichte, sondern bei fremdem sieht? Ich kann mir keinen tieferen Niedergang, keine größere Seelenleere denken, als wenn ein Mensch oder Volk seine Eigenheit

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