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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Unsere Selbstprüfung
Date
1919-01-01
Page
249 (sequence 7)
Language
German
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Unsere Selbstprüfung 249 von der Theorie unserer Arbeit und unseres Lebens aus, sondern von den Forderungen der Seele aus. Ich meinte eine neue Note, oder zumindest einen neuen Klang, der uns und auch Bialik etwas sagen soll — habe aber nichts gefunden. Einerseits wieder dieselben Würdigungen und Loblieder und andererseits Mollmelodien aus Selbstmißachtung und Durmelodien ob des Sieges über den Rabbinismus; wiederum Elegien ob der allzuvielen Folianten, ob unserer Kraftlosigkeit und Unzulänglichkeit, wiederum dieselbe Predigt über das Heil der Abtötung unserer Vergangenheit usw. Es gibt, wie es scheint, Glückliche, Hochstehende, die all dies begreifen und erleben können. Ich gestehe, daß ich nicht so weit bin. Ich schaue geradeaus, nach vorn und verstehe nicht, wie ein Mensch leben kann, wenn sein Gesicht immer nach hinten gewendet ist. Dabei ist doch die Sache so einfach. Was in der Vergangenheit war, entstand seinerzeit aus bestimmten Bedingungen, sowie das, was heute ist, aus anderen Bedingungen entsteht, nur sind die heutigen Umstände vor unseren Augen, wir leben mit ihnen und können sie gewissermaßen beeinflussen, während die Umstände der Vergangenheit nicht mehr zu ändern sind. Was uns aber von der Vergangenheit verblieben ist, ist entweder unserer natürlichen Wesenheit zugehörig, da hilft und da frommt kein Kampf, oder dem ist nicht so — dann wiederum entweder — oder: entweder es tritt uns gegenüber in greifbarer, lebendiger Form der Gegenwart, in welchem Fall wir es gerade in dieser lebenden Form bekämpfen sollen, oder es ist nichts greifbar Wirkliches dran, und dann lohnt der Kampf nicht. So z. B. erscheint vor uns in unserem Leben das Parasitentum in all seiner Fäulnis und Häßlichkeit. Es schiene, unsere ganze Arbeit an der Volksgesundung sollte sich darauf konzentrieren, diesen Aussatz zu heilen, die Luft zu desinfizieren, die Bedingungen aufzudecken, die die Krankheit heutzutage begünstigen usw. Was'hat dabei die Überlieferung oder deren Verneinung zu tun? Vor uns ist eine Plage, die wir loszuwerden haben — wozu sollen wir uns von dieser unserer Hauptaufgabe ablenken lassen und unsere Energie nutzlos verschwenden? Aus Verneinung des Vergangenen wird kein Mensch zur Arbeit kommen, ebensowenig, wie er dazu aus der Ethik des Judentums im üblichen Sinne heraus kommt. Hier muß ganz anders eingegriffen werden. Die Krankheit des Parasitentums sitzt zu tief in der menschlichen Seele überhaupt, die Galuthumstände — sie, und nicht die Überlieferung —- haben es noch weit tiefer eingesenkt. Wir sind eine Pflanze, die entwurzelt und in einen dunklen Keller geworfen worden ist; es ist selbstverständlich daß solch eine Pflanze schwach und blaß und unnatürlich ist. Was ist nun zu tun? Die schlichten Gärtner sagen: nehmt die Pflanze aus dem Keller heraus und setzet sie in ihren natürlichen Boden ein, gebt ihr genügend Luft und Licht — das ist die Hauptsache, und nur darauf sollen eure Gedanken und Taten gerichtet sein. Was sonst zu beschneiden sein wird, das werdet ihr seinerzeit tun, wenn es eine Lebensforderung sein wird; vieles^Faule wird auch von selbst abfallen, kraft des natürlichen Wachstums. Nun kommen gelehrte Botaniker, die die Pflanze mikroskopisch untersucht haben und behaupten, das Hauptübel liege in der Wurzel, die von vornherein schlecht war (was sagen sie aber zum Keller, der doch nicht mikroskopisch untersucht werden kann?); man müsse eben alles mit der Wurzel wegschneiden, bleiben sollen nur die jungen Triebe. Aber wie können dann die Triebe bestehen und gedeihen? Wie kann dann die Pflanze ihre Wesensart bewahren? Man muß blind daran glauben, daß sie wissen, was sie wollen. Vorderhand hören wir nichts als Schlagworte, Elegien, alles wie oben gesagt.

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