Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 248 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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248 A. D. Gordon: tung, die an und für sich in ihrer Tragik der Zerrissenheit schön ist, im erzieherischen Sinne sehr schwach, da doch die Hauptaufgabe der richtigen Erziehung in der Stärkung der seelischen Ganzheit und ihrer Konzentrierung in einem Brennpunkte besteht Die Deutschen, als lebendiges, gesundes, natürliches Volk, fühlen das mit ihrem Instinkt heraus. Von diesem Standpunkt aus läßt sich sagen, daß der Schriftsteller und jeder, der das Volk zum Geist bewegt, ein Motor ist, der die Lebensregung, die in den Falten der Volksseele im Unbewußten versteckt ist, ins Bewußtsein überführt, sie sammelt und aktiviert und in Licht und Wärme verwandelt. Diese Motortätigkeit muß aber permanent sein, wie eine unversiegbare Quelle strömen, wie das Leben selber. Andererseits ist diese Tätigkeit mit Wehen verbunden, ja man kann sagen, sie besteht aus den Geburtswehen, aus den Zweifeln und Unsicherheiten. Das originale Schaffen ist einem Wandeln am Rande von Abgründen oder auf hohen Gletschern vergleichbar. Dies Unsichersein ist aber unentbehrlich, es ist für den schöpferischen Gedanken das, was die Vibrationen fürs Licht sind. Deshalb sind die Nachfolger und die Anhänger großer Schöpfer immer sicherer in ihrer Lehre als der Meister selber. Ein Anhänger von Marx z. B. ist immer mehr Marxist als Marx, ein Anhänger von Darwin mehr Darwinist als Darwin usw. Von hier aus droht dem Meister selber die Gefahr der Selbstsicherheit und des Stehenbleibens. Es begibt sich oft,' daß der Schöpfer einer neuen Lehre, die , die Welt des Denkens und der Ideale beeinflußt hat, nichts mehr schafft, nachdem seine Lehre sich durchgesetzt hat, sondern er folgt seinem System nach und hemmt den Fortschritt des Lebens, soweit es nicht in sein System hinein will. All dies könnte vielleicht die Schriftsteller veranlassen, ab und zu sich selbst zu prüfen und sich umzusehen, wie es zwischen ihnen und dem Volke steht. Dazu wäre vielleicht das Jubiläum gut. Nur müßte es anders aussehen. Weder Bewunderung noch Würdigung (denn die Persönlichkeit soll man nicht zu Lebenszeiten würdigen, das literarische Werk dagegen soll von der Kritik überhaupt, nicht gerade zum Jubiläum, besprochen werden), sondern Forderung, und zwar im Namen des Volkes und des Volkslebens. Man müßte dem Schriftsteller gegenüber neue Forderungen der Volksseele aufstellen, entweder aus positiven Gründen, weil sich der Volksgeist erneuert hat, cder aus negativen, weil neue Schwächen hinzugekommen sind, die Heilung erheischen. Das Jubiläum sollte somit eine Art engere nationale Beratung der Schriftsteller sein, die, beim Vollenden eines Abschnitts im Werke eines ihrer Besten, vom Standpunkte seiner Wirkung aus eine Bilanz fürs Volk machen, was inzwischen besser oder schlechter im Volke geworden ist, wobei jeder dasjenige Gebiet beleuchtet, das ihm am nächsten ist. Beispielsweise sollte in der Bialikjubelschrift ein Aufsatz sein über den neuen Jischuw, wo über das Poetische, das im Jischuw da oder nicht da ist, und über die Einwirkung von Bialiks Dichtung darauf gesprochen werden könnte. Solche Aufsätze hätten dem Schriftsteller und auch den Denkenden im Volke Anregungen für die Zukunft geben können. Wenn ich nun von dieser Seite die vorliegende Jubelschrift betrachte, so frage ich mich: Was für Winke kann Bialik hier finden und was für Winke können wir, die Arbeitenden, hier finden? Selbstverständlich trat ich an die Jubelschrift heran weder von der Praxis noch