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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 247

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Unsere Selbstprüfung
Date
1919-01-01
Page
247 (sequence 5)
Language
German
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nsL^ph einer Lehre zu erziehen, die von anderen Seelen entnommen ist, um es na|h einen feststehenden Menschentypus zu beurteilen und seine Eigenheit zu verwerfen, wenn sie ein Mehr oder ein Weniger aufweist? Ist dies etwa die oberste Wahrheit? Liegt denn nicht in der Wirklichkeit die Sache so, daß der Schriftsteller oder Dichter oder wer zum Volk überhaupt spricht, sofern er in Wahrheit was zu sagen hat, sofern er die Volksseele aufzurichten, zu erheben, zu bessern und zu erneuern vermag, es nur auf Grund des aus der Volksseele selbst Geschöpften tun kann? Sie alle geben ihm aus dem Seinen zurück. Denn wie können sie ihm mehr schenken, als sie ihm genommen haben, und wie kann das Volk mehr empfangen? Ist denn nicht das Wesen all derer, die an das Volk mit großen Forderungen treten, dem Wesen des Volkes entnommen? Selbst wenn sie ihm Strafreden halten, selbst wenn sie seine Schwäche geißeln, geben sie ihm nur das Seine, denn das Volk selbst ist es, das gesund werden will, und es selbst verleiht ihnen Kräfte und Mittel und den Willen, es zu heilen. Wer gäbe es ihnen sonst? Deshalb ist es so schwer, ein Volk zu heilen, weil das Geheimnis seiner Gesundung zu den tiefsten Weltgeheimnissen gehört. Das Volk, wie die Natur, gehorcht dem Menschen nur, insofern er dessen eigenen Gesetzen zu folgen versteht. Die Menschen jedoch haben die Volksnatur nicht so gründlich erfahren, wie die Weltnatur. Wer aber aus der Untiefe der Volksseele zu schöpfen versteht, dessen Worte überleben Generationen und haben einen Wert für die ganze Menschheit. Unsere Propheten sind ein Beispiel dafür. Daraus folgt mit Klarheit, daß, wenn es eine Erziehung für ein Volk gibt, es wie für den Einzelnen nur eine Selbsterziehung sein kann, das heißt eine, die in der Offenbarung der eigenen Wesenheit, der eigenen Wahrheit, des eigenen Seelenlichtes und in der Erlangung des höchsten unabhängigen und unmittelbaren Verhältnisses zum Dasein und zu sich besteht. Somit ist die Aufgabe des Schriftstellers nicht, im Volke eine Mißachtung seiner Eigentümlichkeit zu wecken, auf daß es sich in unbegreiflicher Weise eine neue moderne Eigenheit erwürbe, sondern umgekehrt, im Volke vor allem Achtung vor sich selber, vor der eigenen Wesenheit, der eigenen Wahrheit, dem eigenen Seelenlichte zu wecken. Bei diesem, und nur bei diesem Licht sind die Schwächen des Volkes deutlich zu sehen und mit Erfolg zu heilen, wenn auch vermittelst einer schmerzlichen Operation. Nie aber sind die Krankheiten zu sehen beim Lichte der andern, das auf die ganze Seele einen Schatten wirft, als ob sie ein einziges Geschwür wäre, so daß eine Operation in gesundes Fleisch schneidet und unnütze Schmerzen verursacht. Ist doch die Hauptsache nicht das Entblößen der Geschwüre und auch nicht das. Schneiden, sondern das Bestrahlen mit dem Seelenlichte des Volkes. Dieses Licht brennt und heilt zugleich. Wo aber das Licht nicht da ist, da heilt keine Wunde. Das gemeinsame Schöpferische des Volkes und des Schriftstellers drückt sich aus in der neuen Erleuchtung und im neuen Aufschwung, die die Volksseele in der Persönlichkeit des Schriftstellers durch seine Selbsterziehung erfährt. Das ist zündende Glut, anschauliche Lehre. So sind beispielsweise die Dichtungen Tolstois oder Dostojewskis Tolstoi und Dostojewski selber mit all ihren Licht- und Schattenseiten, eine russische Schöpfung vom Scheitel bis zur Sohle. Deshalb sind ihre Dichtungen so natürlich und so wirksam. Als Gegenbeispiel wäre etwa Heine anzuführen, der wegen seiner mangelhaften Selbsterziehung für die Juden zu deutsch und für die Deutschen zu jüdisch ist; deshalb ist seine Dich-

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