Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 246 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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246 A. D. Gordon: Hier kann ein Mensch dem anderen nicht helfen. Höchstens vermag er ihm zu nehmen, was ihn einschränkt, sich gleichsam mit dem sonstigen Menschentum zu entfernen, um ihm Raum zur Selbstbefreiung zu schaffen, damit er der Natur und dem Leben und auch der Menschheit unmittelbar gegenüberstehe, wie zwei gleiche Kräfte, zwei gleiche Seelen einander gegenüberstehen, und so von selbst die Beziehung zu ihnen finde. Alles also, was ein Mensch dem anderen in dieser Hinsicht helfen kann, ist: in ihm seine Selbsterkenntnis, das Eigenlicht seiner Seele zu erwecken, bis er sich für würdig und folglich für verpflichtet halten wird, allezeit ein direktes, eigenes, unabhängiges Verhältnis zur Natur, zum Dasein, zum Leben, zum Menschen und zu sich selber zu suchen. Es muß im Menschen das Gefühl der Selbstachtung, die Erkenntnis des Menschen- und Eigenwertes geweckt werden, die Erkenntnis des Wertes der großen Ansprüche, die der Mensch in ihm und die Welt, der er allein gegenübersteht, an ihn stellen, und des Wertes der großen restlosen Wahrheit, die seine Wesenheit von ihm verlangt, die den Sinn seines Menschseins ausmacht, die sein Leben zu einem unablässigen Schaffen macht Zusammenfassend: sowohl die eigene Kraft wie die eigene Schwäche sieht der Mensch nur beim Eigenlicht der Seele. Kein anderer kann erziehen, weil nie das Licht des anderen die Seele des zu Erziehenden beleuchten kann. . Was hier vom Einzelnen gesagt worden, trifft auch beim Volk zu. Volk, Nation, das ist ein Lebenszusammenhang in höherer Potenz, ein Zusammenschluß von Menschzellen zu einer vollendeten Persönlichkeit; das ist eine Schaffensquelle eigenen, originalen Menschenlebens nach dem Ebenbilde der Sondernatur des Landes, wo das Volk entstanden ist und die erste elementare Erziehung genossen hat. Die Nation — die große Urfamilie und nicht die Gesellschaft — hat die Sprache, die Religion d. h. die Grundsätze des menschlichen Weltbetrachtens, die Ethik, die Dichtung, das soziale Leben geschaffen. Man kann in diesem Sinne behaupten: die Nation hat den Menschen geschaffen* Wenn wir auf Grund des Gesagten das Verhältnis zwischen den Schriftstellern und dem Volk betrachten, so können wir in den Schriftstellern nicht Erzieher, Wegweiser, Lebenslehrer sehen, sondern helfende Freunde, die eine größere Seele, größeres Fassungsvermögen und größere Erfahrung haben, Menschen, die ihrer weiteren Familie etwas zu sagen haben: eine Einsicht, einen Rat, ein Lied das zum Herzen spricht, — Menschen, die der größeren Familie Sprachrohr und Sachwalter sein können. Wenn dem aber so ist, so müssen sie mit denjenigen rechnen, aus denen sie sprechen und deren Sache sie verwalten. Sie müssen in die Tiefe von deren Seelen schauen und ihren eigentümlichen Lebensgeist wahrnehmen, um zu wissen, wie weit sie, die Sprecher, dem Seelengeheimnis der Nichtsprechenden gerecht werden. Scheinbar gibt jedermann zu, daß zwischen den Schriftstellern und dem Volke ein lebendiger Kontakt sein müsse. Warum aber gibt es diesen Kontakt nicht? Die Schriftsteller beschweren sich in der Regel, daß das Volk nicht zuhöre, daß es seine Schriftsteller nicht ehre. Haben aber diese Schriftsteller sich selbst gefragt, ob sie das Volk genügend achten? Sind sie immer bemüht, seiner innersten Menschenstimme, seiner höchsten Wesenheit Ausdruck zu verleihen? Werden sie immer seinem eigenen Urbilde gerecht? Kommen sie nicht zu ihm vielmehr häufig von einer olympischen Höhe herab, um es an sich zu ziehen, um es