Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 245 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Unsere Selbstprüfung auf sich selbst angewiesen, nackt wie am Tage der Geburt und an der Natur unmittelbar, ohne Band, ohne Hülle, ohne Scheidewand haftend. Eine höhere Freiheit, ein höherer Zusammenhang. Die Verwirrung kommt aber nur daher, daß dies nicht alles ist, daß dies nur die eine Seite der Münze darstellt. Das menschliche Leben nimmt seinen Anfang vom Menschen: von der Familie, vom Volke, von der Menschheit — und schon hier entfernt es sich vom Naturleben. Der Mensch beginnt zu erkennen: die Natur, sich selbst, — und je mehr seine Erkenntnis sich ausdehnt und die Welt umspannt, um so mehr schrumpft sein Leben zusammen und konzentriert sich im Persönlichen. Da es aber, von der Urquelle, vom Weltleben abgeschnitten, den Menschen nicht zu ernähren vermag, der doch so vieles kennt, der die Welt kennt, so muß er sein zusammengeschrumpftes Leben bis zur Hefe aussaugen. Beim klaren aber spärlichen Licht der Erkenntnis sieht der Mensch den ganzen Lebensgeschmack und Lebensreiz im vergeblichen Verlangen und scheinbarer äußerlicher Schönheit — anderes sieht er nicht. Der Mensch genießt vom Baume der Erkenntnis (vom Baume des Lebens genießt er nicht) und sieht sich nackt, fühlt sich gefesselt an die Kraft der Erkenntnis, an die Kraft des Menschen. Dann versteckt sich der Mensch. Alles gründet sich nur auf Äußerlichkeit, auf einem inneren Verschwinden und äußerem Scheinen. Alles verhüllt sich, entweder in Feigen¬ oder in Papierblätter.' Alle Zusammenhänge sind eine Art Verkleidung, eine Art Anziehungs- und Klebkraft, von dem Anstand bis zu dem was die große Liebe genannt wird. Das will sagen: solange der Mensch mit der Natur lebte, solange sein Leben die Welt umfaßte oder zu umfassen vermochte, erkannte er die Natur nicht, erkannte er nicht was er lebte und nicht seine Kraft zu leben, er erkannte das Leben nicht. Seine Freiheit war nicht vollkommen, er war Sklave der Natur, d. h. der erkennbaren und von ihm unerkannten Seite der Natur, der eigenen Unwissenheit. Seitdem er aber die Natur mehr und mehr erkennt, seitdem seine Erkenntnis das All umspannt, da lebt er die Natur nicht mehr, er lebt sein Wissen nicht, seine Freiheit ist in dieser Hinsicht unvollkommen. Er wurde Sklave des Menschen, seiner Erkenntnis, seines Geistes, seiner Faust. Wir lernen somit von der Natur, daß die Aufgabe der Erziehung die ist, den Menschen zur Erlangung der vollen, beiderseitigen, allseitigen höheren Freiheit zu bringen. Während aber die Erlangung der Freiheit von der Natur, die nichts anderes bedeutet als die Befreiung des Menschen von seiner Unwissenheit, nicht sonderlich schwer ist, denn das studierbare Wissen verleiht die erforderliche Freiheit, — so ist die Schwierigkeit von der anderen Seite, von Seiten des Menschen wesentlich größer. Sich zu befreien vom Abhängigen in der Erkenntnis, die doch eigentlich die ganze bewußte Kraft des Menschen darstellt und sein Werkzeug in seiner menschlichen Arbeit ist, seine Erziehungsarbeit inbegriffen, — das fällt viel schwerer als sich von der Unwissenheit zu befreien. Das ist das Hauptproblem der Erziehung. Die Hauptschwierigkeit liegt eben darin, daß man andere nicht erziehen kann, daß Erziehung nicht durch Lernen erworben werden kann. Ist doch die allererste Bedingung volle Freiheit, die Unabhängigkeit des zu erziehenden Wesens von jeglichem Einfluß, von allen Meinungen, von allem, was von draußen kommt, so daß die Seele sich dem Menschen gegenüber so fühlen soll wie der Natur gegenüber — frei, nackt, am Wesen des Menschen unmittelbar, ohne Band, ohne Hülle, ohne Scheidewand haftend.