Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 244 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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244 A. D. Gordon: in Wahrheit jeder Mensch, jedes Volk, jedes Leben ein Typus für sich, nach dem allein sie verbessert, erneuert, vollendet werden und die ihnen zugängliche Stufe erlangen können, nach dem allein sie begriffen und gewertet werden können? Besteht denn nicht gerade darin der ganze Reichtum der Menschheit und des Menschenlebens? Ist denn nicht gerade dies der Urgrund aller menschlichen, lebendigen Erziehung? Das scheint eine Binsenwahrheit zu sein; sie ist aber so einfach, daß man sie nicht berücksichtigt Immer wieder findet sich ein Wille selig zu machen, zu erziehen und zu belehren. Daß aber der Mensch, daß jeder Mensch von selbst selig werden, von selbst aufsteigen, seine eigene Lehre suchen soll — daß man dafür zu sorgen, darüber zu denken gewillt wäre, ist vorläufig nicht zu sehen. Überall wo ein Gedanke über die Verbesserung des Menschen und über die Erneuerung des Lebens zu finden ist, stellt sich eine bestimmte Lehre, ein bestimmtes System, eine bestimmte Seelenformel, eine bestimmte Lebensformel ein, die für alle gleich und für alle verpflichtend sind. Und die Seele, die Seele jedes Einzelnen? Was ist für einen Menschen wichtiger: voll des Wissens und der Weisheit und der Tugendlehre und der Dichtung der anderen zu sein oder sein Selbst auf die ihm zukommende Stufe der Erkenntnis und der Schöpfung emporzuheben? Oder hat etwa der Mensch eine Zukunft, falls keine Hoffnung bestünde, daß jede menschliche Seele Mensch, Selbst, Eigenheit für sich sein wird? Mir scheint, man darf darüber nachdenken. Den Menschen dahin zu bringen, daß er sich und seine Eigen weit suche, daß er sich selbst erziehe — das ist etwas ganz anderes als ihn zu erziehen und zu belehren. Hier spielt weder der Erzieher noch die Lehre eine zu große Rolle. Hier gelten keine Regeln, hier gilt das Schaffen. Die Rechnungsformel ist unendlich tief, lauter unbekannte Größen, nur eine bekannte Größe, und auch sie ist fast verloren unter den komplizierten Verbindungen. Und die Voraussetzungen der Rechnung sind lebendig, sie ändern sich mit jeder raumzeitlichen Veränderung und stellen so immer wieder eine neue Rechnung her. Hier ist bei der Natur zu lernen, wie sie erzieht. Der Himmel, die Berge, die Felsen, die Pflanzen, das Meer, der Wind, die Wolken, die Nacht — sie kommen nicht, uns zu erziehen, aber wie sehr erziehen sie! Und wie sehr erst würden sie erziehen, wenn der Mensch es verstünde, bei ihnen zu lernen, d. h. seine Eigenlehre durch sie zu finden. Eigentlich erziehen auch die Menschen einander unbewußt auf diese Weise, d. h. sie erziehen durch sich selber und nicht durch ihre Lehren. Aber wie diese Erziehung aussieht, erkennen wir ja im Leben. Nämlich, je größer die Persönlichkeit, um so erziehender, belehrender ist sie, d. h. sie nimmt eigentlich mehr Raum ein, sie übt mehr Druck aus, statt Raum für die Selbsterziehung zu schaffen. Die Natur lehrt uns, daß die Selbsterziehung zugleich auch die Erziehung anderer ist, und zwar ist sie im selben Maße Erziehung wie sie Selbsterziehung ist; eine andere Erziehung gibt es nicht. In diesem Sinne erziehen auch die Träger der Lehren, d. h. ihre Erziehung ist nichts als Kommentar zu ihrer Selbsterziehung. Alles, was darüber hinausgeht, ist Theorie, Schrifttum (altes oder neues sind dabei gleichwertig), die hypnotisieren können, nicht aber erziehen; es beschenkt vielleicht, befreit aber nicht, es gibt nicht was die Natur gibt — das Urlicht und den unendlichen Raum für die Selbsterziehung. Das ist die erzieherische Kraft der Natur, die wir zu beherzigen haben. In und neben der Natur fühlt sich der Mensch vollständig frei,