Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unsere Selbstprüfung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 243 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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A. D. Gordon: Unsere Selbstprüfung 243 UNSERE SELBSTPRÜFUNG Ich lese das zweite Sammelbuch „Beschaa su", das Bialik gewidmet ist, nicht bloß als Jubelschrift, sondern als Heft des „Beschaa su" überhaupt. Darf man doch auch in einer Jubelschrift etwas für die Gegenwart suchen. Ich schreibe während der Lektüre und unter deren Eindruck. Ich weiß aber, daß die Gedanken, die aus meinem Eindruck aufsteigen, weit von der Grundanschauung des Sammelbuches entfernt sind. Das sieht so aus, als ob ich an das Sammelbuch mit Forderungen heranträte, die nicht zum Gegenstand gehören. Deshalb schicke ich voraus, daß ich mit keinen Forderungen an das Sammelbuch herantrete und keine Bürgerrechte für meine Gedanken beanspruche. Ich verzeichne bloß den Eindruck, den das Sammelbuch auf mich macht, ich frage nur mich selber, ich suche bloß. Man könnte vielleicht überhaupt behaupten, daß ich im Leben — oder in dem, was man Leben nennt — etwas suche, was nicht zum Gegenstand gehört Aber bei einem solchen Suchen ist doch der Suchende allein der Leidtragende. Mit dem Eindruck des Sammelbuchs verbinden sich manche Gedanken über das Wesen des Jubiläums und über alles was sich daraus ergibt: über das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Volk und über Erziehung im weiteren Sinn, über menschliche und nationale Erziehung, die den Schriftstellern hauptsächlich obliegt. All das geht in den Gedankengang ein und ich muß es hier einbeziehen, obwohl ich dabei etwas weit ausholen muß. Uber das Unwesen des Jubiläumsfeierns ist bereits genügend gesprochen worden. Das stärkste Argument gegen diese Sitte ist die Jubiläumsliteratur selber. Ich kann mich kaum einer Jubelschrift oder eines Jubiläumsaufsatzes oder einer Jubiläumsfeier erinnern, die man vermißt hätte, wenn sie nicht da wären. Es lohnt sich aber über das Jubiläum von einem anderen Standpunkte zu sprechen, vom Standpunkte der Teilnahme der Schriftsteller an der inneren erzieherischen Volksarbeit. Von diesem einfacheren und höheren Verhältnis zwischen Schriftsteller und Volk aus könnte man dem Jubiläum vielleicht einen positiveren Wert abgewinnen. Wie ist, wenn man der Sache auf den Grund geht, das gegenseitige Verhältnis zwischen den Schriftstellern und dem Volk? Wie ist dieses Verhältnis von der Warte der erzieherischen Forderungen gesehen, sowohl des Volkstums als des Einzelnen? - In Wahrheit können doch die Schriftsteller ebensowenig wie irgend jemand als Erzieher, Wegweiser, Lebenslehrer und so weiter gelten. Gibt es denn in Wahrheit jemanden, der befähigt, der berechtigt ist, andere zu erziehen, andere zu belehren? Gibt es denn jemanden, dessen Meinungen, Geschmack, Welt- und Lebensbetrachtung dermaßen sicher und abgeschlossen sind, daß er sie anderen auferlegen kann und darf? Und ist dabei gar nicht in Betracht zu ziehen, daß er damit vielleicht den Umriß der anderen verwischt? Gibt es denn überhaupt irgend eine allgemeine Erziehungsformel, kann es eine geben, die für alle gleich ist? Gibt es denn einen Menschentypus, einen Volkstypus °der Lebenstypus, der für immer gültig wäre, nach dem allein alle Menschen, alle Völker und deren Leben geprägt und gewertet werden sollten? Ist nicht 16*