Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Sieg der Seele
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 238 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Ernst Sommer: Morgens. In manchen Zeitläuften wurden die Juden ganzer Provinzen von lechzenden Träumen heimgesucht, brennenden Gesichten, die sie in Abgründe stießen, und gellenden Stimmen, die ihnen befahlen, Abenteuer und Irrfahrten auf sich zu nehmen. In manchen Jahrhunderten wieder zogen sich die Wartenden in das Dunkel zurück, begruben sich in Stille, bohrten immer tiefere Höhlen in das Gestein, damit der unfruchtbare Tag sie nicht fände. Und im Schoß der Erde, umhüllt vom Schweigen der Grüfte, maßen sie das Zittern der Erde, um auch dort den erträumten Augenblick nicht zu versäumen. Wie viele Kräfte wurden durch dieses sinnlos lange Warten vergeudet, wie viel verlorener Mut, wie viel bebende verschmachtende Gegenwart. Nicht allein die Seelen zermürbten. Auch die Augen wurden trübe. Ein Niederschlag von Dumpfheit legte sich auf alle Erinnerungen. Und allmählich schien es, als hätten viele sich selbst vergessen. Ein paar Stunden im Jahr holten sie die begrabenen und verwischten Erinnerungen hervor, beluden ein paar Worte mit der ganzen Schwere der verkannten Vergangenheit, ließen sich vom Klang eines Gebets, dem verschlungenen Tonfall einer Melodie, der mystischen Gebärde eines Rituals durchschauern und wußten nicht, daß dies ihre Seele sei, die da zu ihnen schrie. Am Ende sagten sie Messias und dachten an leeren Spuk, ein Traumbild, das sie Morgens mit dem Schlaf aus den Augen wischten, eine Legende ohne Sinn, eine Formel ohne Inhalt. Indessen wächst das Bild des Messias riesenhaft hinter ihrem Rücken. Die Vorstellung von ihm, die jene noch entstellt mit sich herumtrugen, der Inbegriff des Mannes, hinter dessen Augen Erlösung aufbricht wie Feuersbrunst, hat seiner wirklichen Bedeutung Platz gemacht, dem gestaltlosen inbrünstigen Glauben an sich selbst. Nicht mehr Körper ist Messias, kein König der Menschen, mit dessen vager Erscheinung Kinder getröstet und die Gesichte uralter Geistesmänner zu Wahrsagungen umgelogen werden, sondern Fürst der Seele, selber Seele und der Abglanz des beglücktesten inneren Schauens. 4- Es ist die Zeit des jüngsten Tages. Alle Formen, die Körper für Körper schufen, sind nahe dem Zerfall. Stärker wird die Herrschaft des Geistigen. Theorien übertürmen sieghaft die unüberwindlich sich dünkende Sicherheit der praktischen Erfahrung. Hirngespinste verdichten sich zu stählernen Klumpen und zermalmen die Massivität der Gegenbeweise. Der Geist überwindet die Substanz. Religion besiegt den zähneknirschenden Zweifel. Die Welt erbebt unter dem Anprall unerhörter Glaubenskraft. Und in dem Hochofen atemlosester innerer Anspannung muß auch die letzte Hülle schmelzen, die die verborgene Seele des Judentums bisher umgab. Werden alle die trunkenen und freigewordenen Glauben sich sammeln? Werden sie fessellos und in ausbrechendem Wahnsinn einander zerfleischen? Das Jahrhundert ist von neuem angebrochen, da die gotischen Dome in die Himmel strebten, von allen Kanzeln Selbstentäußerung und Raserei gepredigt wurde und die Sterne unverwandt nach Osten wiesen.