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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 239

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Sieg der Seele
Date
1919-01-01
Page
239 (sequence 4)
Language
German
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Sieg der Seele 239 Der große Kreuzzug steht bevor. Da und dort tönen Stimmen. Zeichen flackern auf. Und von den eifervollen Händen eines zornigen Gottes werden Völker umgeknetet, bis das Innerste zu äußerst, das Oberste zu unterst gewühlt ist und die Flamme, die der Weltkrieg in uns geworfen, aus allen Türmen, Firsten und Giebeln emporschlägt. Wir stehen mitten in der kreisenden, tobsüchtigen Welt. Die Fundamente unsrer Häuser beben mit den Grundfesten der gesamten Ordnung. Aus allen Kratern aber glüht vulkanisch unser Erlösungswille. Wir sind zugleich Richter und Gerichtete, Henker und Opfer. Ungeheuere Verwirrung hat die Welt erfaßt und schüttelt ihr fieberndes, von Angst vor dem großen Gericht gepeitschtes Gewissen. Dennoch reißt uns neue Zuversicht aus unsrer Erstarrung, gibt uns diese Hoffnung beseelte tiefatmende Ruhe. Wir sind zum letztenmal entwurzelt, um zum erstenmal endgültig Wurzel zu schlagen. Wir stehen im Begriff zu verarmen, um mit unserem zerfallenden Reichtum unsre neue Freiheit zu erkaufen. Losgelöst sind wir von allem, was uns bis nun mit der Fremde verbunden hat, heimatlos, ohne Hemmung, trunken nach Bewegung, mit den Wünschen, aller sehnsüchtigen Jahrhunderte beladen. 5. Die Seele des Judentums steht vor ihrer letzten Verwandlung. Alle Steigerungen waren ihr vorbehalten und alle Abgründe. Aus dem Urlicht emporgestiegen, der unaussprechlichen und tiefen Einfalt entwachsen, wurde sie wissend und erfahren, stolz und schwermütig. Sie ließ Reichtum und gesättigte Fülle hinter sich, genoß die Freiheit bis zum Übermaß, stürzte sich in Aufruhr und Empörung, bis ihr ein endloser Kampf, ein qualvoller Untergang den Weg in ein neues Bereich, die schemenhafte Welt des Begriffes, die eisige Region der Dialektik wiesen. In diesem unwirtlichen Land, dieser grenzenlosen Ferne schien die Seele verirrt und unfähig, ihren Weg zurückzufinden. Wie stark mußte ihr Wille sein, wie fruchtbar ihr Lebensvorsatz, wie beschwingt ihre Sehnsucht nach Wiedergeburt, wenn es ihr gelang, sich selbst ins Dasein zurückzurufen. Immer neue Kräfte strömen ihr entgegen, aus den verborgensten Quellen schöpft sie ihre Energien, Abgestorbenes wird Blut in ihrem Körper, Verdorrendes blüht in ihren Händen auf. Glück und Unrast stehen ihr bevor, atemloses Aufbauen, schmerzhaft quellende Schöpferkraft, Sammlung und Gegenwart. Ist aber nicht dieses die Erlösung, die Wüste der Abstraktion mit der strahlenden. Wirklichkeit zu vertauschen, Schwester der Erde zu sein, mit allen Sinnen zu empfangen, Früchte zu tragen und sich selbst in ihnen immer neu zu gebärend Dux Ernst Sommer

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