Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Sieg der Seele
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 237 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101155-3104460--3323-3104516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sieg der Seele 237 Ist bei allem Hochmut und aller Entfremdung das Blut in irgend einem Volke stärker als im Judentum? Sitte, Sprache und Tracht sind schattenhaft unwichtig, Vorurteile werden zu wehrlosen Gesten, Seele tritt der Seele gegenüber. Unser aller Erinnerung spricht mit denselben Bildern. Ihren Zügen ist immer das eine Zeichen aufgeprägt. Es wiederholt sich in jedem Aufblick. Und je tiefer man zwei Leben betrachtet, desto ähnlicher werden einander die Seelen, bis sie Eins sind, ein Stück in zwei Kopien, die Arbeit desselben Meisters, der Abdruck eines Siegels. Eine ungeheure Reizbarkeit geht von diesen ausgeprägten und wissenden Seelen aus, die natürliche Waffe gegen die sie täglich aufs neue umstürmende Welt. Und je heftiger sich ihre Grenzbezirke gegen deren belanglosen und unwichtigen Einfluß aufbäumen, je inständiger der Körper unter dem Geräusch des Tages, dem Spiel von Lust und Unlust, den kleinen Erlebnissen, Sorgen und Störungen aufzuckt, um so tiefere Stille herrscht im inneren Bereich der Seele. Dort sind die letzten Worte, die nie ausgesprochen werden. Dort wohnt die Empfindung, die nackt ist und dennoch ohne Scham. Und dort hält sich der Glaube auf, schlafend und gleichsam fest gebunden, wartend, bis der Ruf an ihn ergeht. 3- In jeder jüdischen Seele wartet dieser Glaube. Zuweilen regt er sich im Traum. Zuweilen zittert und glüht er um Vergängliches, irgend eine Partei, ein Programm, eine Weltanschauung. Aber der Messias ist noch nicht gekommen. Ist es nicht seltsam, daß der Messias aller Völker schon erschienen ist? Daß sie alle bereits zu ihrem Erlöser beten? Nur das Judentum wartet noch auf seine Zeit» Viele werfen unsrer Seele Mangel an Ehrfurcht vor. Gibt es größere Demut, als dieses stumme und sehnsüchtige Warten? Nie hat ein Volk mehr Geduld verbraucht. Langmütig warteten Generationen um Generationen. Die Menschen standen und warteten auf das kleinste Zeichen. In der Mitte der Nacht stießen sie ihre Gebete aus, überzeugt, sie könnten das Wunder durch Inbrunst erzwingen. Ein Schiff müßte kommen, ein Fahrzeug, vielleicht eine Wolke. Und ihr entstiege, der da kommen soll. Boten wurden ausgesendet. In allen Wüsten und Ländern des fernsten Orients, auf allen Meeren fuhren Suchende. Überall verfolgten aufmerksame Augen den Lauf der Sterne, zündeten fiebernde Hände Leuchtfeuer an, damit der Nahende den Weg nicht verfehle. Es gab solche, die Tag und Jahr seiner Ankunft wußten und für dieses Wissen grauenvolle und närrische Tode starben. Es gab solche, die ewig rechneten und aus dem Geheimnis des Worts, dem Zauber der Zahl mit nie erlöschendem Eifer den Tag heraufbeschworen, der gleichwohl niemals anbrach. Sie beherrschten die Gesetze des Zirkels und erfanden Formeln, vor deren Macht sie erschraken. Aber unverführt von allen Möglichkeiten, die sie abseits vom Wege lockten, verfolgten sie starrköpfig diesen dunklen Weg, bis sein Grauen sie verschlang. Zuweilen regten sich die schlafenden Seelen in falschen Vorahnungen des