Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Sieg der Seele
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 236 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Ernst Sommer; SIEG DER SEELE I. enn die Seele ewig ist, vererbt von Eltern auf die Kinder, unendlich geteilt und dennoch unteilbar, ein unzerstörbares Licht, dessen in jedem Tode sich zerstreuende Strahlen sich in jeder Geburt wie im Brennpunkt einer Linse sammeln, dann haften alle Erlebnisse an ihr von Urbeginn. Der Raum der Welt ist voll von Stimmen, die irgend einmal erweckt wurden. Jede Tonwelle schwingt in immer leiserer Bewegung fort, in sanfteren und allmählich ermattenden Kreisen, die dennoch niemals ganz zerrinnen. Vielleicht gibt es ein Ohr, das fein genug ist, sie zu hören. Und wenn keines ist: Jeder Laut, der einmal Leben erhielt, taumelt in aller Ewigkeit fort, schattenhaft und ohne zu verstummen/ So ist auch der Seele jeder Eindruck unverwischbar und deutlich aufgeprägt; und je enger der Kreis, aus dem die Erlebnisse stammen, je ähnlicher einander ihre Konturen und Farben sind, desto stärker haftet das Gesamtbild fest* Wenn immer dieselben Eindrücke aufeinander folgen, ein inneres Geschehen dem anderen verwandt ist, Glut sich zu Glut gesellt und Schatten zu gedämpftem Licht, dann ist die Seele für alle Zeiten gezeichnet, beladen mit Erinnerung, beschwert mit Empfindung, erfüllt mit Erlebnis und Gestalt. Es gibt Geschlechter, die ihre Seele so behüten durften, eine ängstlich eingehegte schmale Flamme, deren Licht seltsam blaß durch das Dunkel fällt und mit seiner einförmigen Helle dennoch alle Stufen der Inbrunst zu durchstrahlen weiß. Wie weit reicht indes die Kette solcher Erinnerungen? Sie hebt in irgend einem Jahrhundert an, bei einem Menschen, dessen Eltern vergessen sind; einem Volk, das lange war; einem Land, das viele Reiche überdauert hat. Wir Juden aber sind das Geschlecht, dessen Seele noch um ihre Kindheit weiß. Dessen Kindheit die Kindheit der Welt war und dessen Erinnerungen in der Nacht vor dem ersten Schöpfungsmorgen anheben. Unsre Leidenschaften und Verzückungen sind pur und unvermischt. Unser Weltbild ist nachgedunkelt, doch unz^rstört und ohne Sprünge. Und das Gleichmaß unsrer Seelen gleicht einem schönen Torso, den man fleckenlos und nahezu unangetastet aus heiliger Erde grub. Während die Seelen der anderen verworren und durcheinander geworfen sind, wie die Wellen vieler Ströme im Meer, das Rein und Unrein in sich löst, Abenteuer und Ruhe vermengt, das Salzige mit dem Süßen vertauscht: wir Juden schwimmen wie Öl über seinen Fluten, unlösbar, unvermischbar, von seiner Tiefe niemals aufgesogen. Und wenn auch ohne Unterlaß hier Tropfen abgesprengt, dort Teile zersetzt werden, unsre Seele bleibt unverändert, Öl rollend und flüchtig, immer sie selbst, unfähig, Fremdes in ihrer Mitte zu ertragen. 2. Ein ungetrübtes Ahnen des Weltbeginns ist in unsrer Seele, die Schatten des ersten Tages heben sich vom Chaos ab, und die Verwandlungen unsres unsteten Lebens stehen nebeneinander, unverkennbar, mit ihrer grotesken Verzerrung, ihrem rührenden Verhaltensein und ihrem stummen Trotz.