Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 232 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden ein Kind versprechen, sie müßten nämlich zwischen einem Sohn in Armut und großem kinderlosem Reichtum wählen. Sie könnten einen Sohn bekommen, dafür aber das ganze Vermögen einbüßen und in bittrer Not und Armut leben. Ohne zu überlegen entschied sich das Ehepaar dafür. Im selben Jahr schenkte die Frau einem Sohn das Leben, der dann eine Leuchte der Torah geworden ist. Die Eltern jedoch lebten in bitterer Not und Entbehrung, aber innerlich zufrieden. Der Besitz des frommen und gelehrten Kaddisch hatte ihnen alle irdischen Reichtümer reichlich aufgewogen. Trifft es sich, daß ein Paar, nach langdauernder kinderloser Ehe und öfterem Besuch beim Zaddik, tatsächlich mit Nachkommenschaft gesegnet wird, dann hat die Dankbarkeit dem Zaddik gegenüber keine Grenzen. Bei jeder Gelegenheit wird er beschenkt und sein Segen für die Nachkommenschaft, die er sozusagen im Himmel erfleht hatte, geholt. Diese steht aber unter dem besonderen Schutze des Zaddik. Solche Fälle werden dann allgemein bekannt und tragen nicht wenig zum Ruhme des betreffenden Zaddik bei, sie bieten auch Stoff für allerlei im Volke kursierende chassidische Legenden. Der schönste Segen, den man im Verkehr mit einem kinderlosen Ehepaare spenden kann, lautet: es solle noch in diesem Jahre mit einem „Ben suchor" (Knaben) gebenscht*) (gesegnet) werden. Es kommen aber, wenn auch sehr selten, Fälle vor, daß Kinderlosigkeit zur Ursache des Auseinandergehens eines sonst in völliger Eintracht lebenden Ehepaares wird. Insofern Mann und Frau es nicht über sich bringen können, ohne Nachkommenschaft aus der Welt zu gehen, und eine solche im Zusammenleben nicht mehr zu erwarten glauben, entschließen sie sich, wenn auch gebrochenen Herzens, ihre Ehe beim Rabbinat zu lösen. Dies jedoch unbedingt nie früher als, wie es die Tradition vorschreibt, nach vollem zehnjährigem ehelichen Beisammensein. (Tr. Jebamot 64 A. Schulchan Aruch Eben haeser § 265, Absatz 10). Beide Teile gehen dann in der'Regel neue Ehen ein und merkwürdigerweise trifft es sich mitunter, daß beide dann in ihren neuen Ehen Kinder bekommen. Man sagt dann gewöhnlich, die erste geschiedene Ehe sei nicht „min haschamaim", nicht vom Himmel bestimmt gewesen, daher sei sie kinderlos geblieben und hätte aufgelöst werden müssen. Solche Fälle aber, wo Kinderlosigkeit die ausschließliche Ursache der Trennung der Ehe bildet, gehören, wie schon bemerkt, zu den Seltenheiten und sind zumeist auf das Drängen der Eltern des Ehepaares, die bei ihren Kindern unbedingt Nachkommen sehen wollen, zurückzuführen. Gewöhnlich bleibt aber solch ein kinderloses Ehepaar, schon nach kürzerem Zusammenleben, seelisch derart verbunden, daß es dann an eine Ehescheidung überhaupt nicht mehr denkt. Stirbt jedoch eine Ehehälfte und der zurückgebliebene Teil steht noch in dem Alter, in dem er Kinder zu erlangen hoffen kann, dann geht er gewöhnlich eine neue Ehe ein, um womöglich noch Nachkommenschaft zu bekommen. Rührend ist es mitunter, ein altes kinderloses Ehepaar zu sehen, das in friedlicher Eintracht zusammenlebt, an eine Lösung seiner Verbindung nie ge- •) Der Ausdruck „Benschen", worunter man im Jiddischen im allgemeinen „segnen44, wie auch schlechtweg das Sagen des Tischgebetes versteht, soll vom lateinischen „benedicere44 (segnen) stammen, ebenso soll die für „beten44 im Osten wie in Norddeutschland übliche Bezeichnung „dawnen", vom lateinischen „divinare" (anbeten) und das in Süddeutschland für beten übliche Wort „oren44, vom lateinischen „orare44 (beten) kommen.