Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 231 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 231 Opfer gescheut werden darf, dem Aufsuchen verschiedener Heilbäder, auch fleißig zu frommen Mitteln, wie inbrünstigen Gebeten, Psalmlesen, Spenden und Geloben für wohltätige und fromme Zwecke, Zuflucht genommen. Das Gebetbuch für Frauen, das „Korban Minchah", enthält unter den im Jüdisch-deutsch abgefaßten Spezialgebeten für Frauen, den sog. „Tchinot"*), besondere Gebete für solche, denen der Segen der Leibesfrucht vorenthalten ist. Man sieht mitunter in der Frauenabteilung der Synagoge manch tief unglückliches weibliches Wesen, das in Tränen aufgelöst, in seiner „Tchinah" betend, das Herz vor Gott ausschüttet und um Leibesfrucht fleht. Auch die rührenden hebräischen, für die Männer bestimmten Gebete, die nach dem Lesen eines jeden der fünf Psalmenbücher gesagt werden, enthalten unter anderem die Bitte, daß die Unfruchtbaren mit Leibesfrucht bedacht werden. In chassidischen Kreisen wird in diesem Falle fleißig zum Zaddik gepilgert. Der Zaddik wird stets von jammernden „Akkures" (vom hebr. „akkarot", Plural von „akkarah"=Unfruchtbare), wie die Unfruchtbaren allgemein genannt werden, bestürmt, da jede von ihnen überzeugt ist, daß die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches nicht zum geringen Teil vom Segen und der Zusage des Zaddik abhängt. In der Stunde der Not lassen es sogar selbst eingefleischte, aber kinderlose „Misnagdim" (Gegner des Chassidismus) geschehen, daß ihre Frauen sich zum Zaddik begeben, um dessen Segen zu erlangen. In einer so hochwichtigen Frage darf kein Mittel, selbst wenn man ein Misnagid ist, unversucht gelassen werden, zumal wenn alle ärztlichen Mittel versagt haben. Wer je eine solche vergrämte „Akkure" im Vorzimmer des Zaddik gesehen hat, wie sie sehnsuchtsvoll den Moment erwartet, an dem der „Gabbe" (aramäisch Gabbai Sekretär) sie vor das Angesicht des Zaddik läßt, der kann das Unglück erfassen, das auf einer solchen Frau lastet. Anders jedoch schaut ihr Blick, wenn sie mit dem Segen des Zaddik, vor dem sie, wie ihre von frischen Tränen geröteten Augen verraten, sich tüchtig ausgeweint hat, ausgerüstet wieder erscheint. Glück und helle Hoffnungsfreude ist auf ihrem Gesichte zu lesen. Es herrscht bei Chassidim die Überzeugung, daß, falls ein Zaddik ein Versprechen, wie z. B. Kindersegen einer Unfruchtbaren verweigert, man ihm durch vieles Bitten so lange zusetzen solle, bis man ihm das gewünschte Versprechen sozusagen abringt. Ein vom Zaddik gegebenes Versprechen gehe in Erfüllung, auch wenn es früher anders bestimmt war. Der Wille und der Segen des Zaddik vermögen, wie es in heiligen Schriften heißt, ein über jemand im Himmel sogar bereits beschlossenes Verhängnis zum Guten zu wenden. „Zaddik goser weha-Kaddosch baruch Humekajem", der Zaddik beschließt und der Heilige, gelobt sei Er, bestätigt. (Tr. Sotah 12A, Taanit 23 A usw.) In der chassidischen Literatur gibt es unzählige Legenden, in denen von kinderlosen Ehepaaren erzählt wird, die durch unablässiges Flehen Kindersegen vom Zaddik geradezu erpreßt hatten. So erzählt man sich, ein kinderloses Ehepaar habe oft den Zaddik um Kindersegen angegangen, habe aber diesen nie erflehen können. Als sie jedoch den Zaddik eines Tages heftig bestürmten und unter furchtbarem Weinen erklärten, daß sie unter keinen Umständen von ihm lassen und nicht von der Stelle weichen würden, bis sie den Segen der Leibesfrucht zugesagt bekämen, erklärte jener schließlich, er werde ihnen bedingungsweise *) Über „Tchinot" in einem weiteren Aufsatz „Frauenliteratur".