Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 230 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Samuel Räppaport: sund!" erwidert. Es soll dies, außer dem Ausdruck der Höflichkeit und der Gastfreundschaft, auch den etwaigen Pfeil eines bösen Blickes entkräften. Kinderseuchen gelten als die grausamste Strafe, von der eine jüdische Gemeinde heimgesucht werden kann. Sie werden als göttliche Ahndung für innerhalb der Gemeinde begangene Sünden angesehen (Tr. Sabbat 32 B). Zu ihrer Abwehr werden, natürlich außer ärztlichen, auch fromme Mittel, wie allgemeines Fasten, Psalmensagen, Bußgebete (Slichot) allgemein in Anwendung gebracht. Der mit Kindersegen begnadete Ostjude betrachtet sich nie, selbst wenn er in größter Armut und Entbehrung lebt, für wirklich arm. Wer „Billionen" sein eigen nennt, denn als „Million" bezeichnet der Ostjude jedes seiner Kinder, der kann sich überhaupt nicht als arm betrachten. Mitleidsvoll schaut er auf einen kinderlosen Reichen herab, der trotz seines Besitzes ein ödes und inhaltsloses Dasein fristet und Schätze für den „Riach" (Ruach Teufel) anhäuft. Spricht ein Ostjude im allgemeinen über einen Kinderlosen, dann wird er stets mitleidsvoll die Bemerkung einschalten: „Er ist loj ulajni (lo alenu: nicht über uns gesagt) ein Kinderloser". Das Glück des Kindersegens ist aber in der Familie nicht voll, wenn keine Söhne geboren werden, „denn glücklich ist nur der, dem Söhne zuteil werden" (Tr. Pesachim 65 B). Der Sohn bedeutet nicht nur den Stammhalter, der die Kontinuität der Familie und des Namens erhält, er soll auch nach dem Ableben der Eltern durch Kaddischsagen und Mischnajotlernen*) (Lernen der Mischnah für das Seelenheil eines Verstorbenen), deren Seelen zur „Erhöhung" (Alijat hanschamah) und zur Seligkeit verhelfen. Der sittlich-religiöse Wert, einen Sohn oder mehrere Söhne zu besitzen, gilt nicht nur für die Eltern während ihres Erdenwallens, er gewinnt erst seine wahre Bedeutung nach deren Ableben. Der Ostjude bezeichnet seinen Sohn als „mein Kaddisch". Mit seelischer Befriedigung erfüllt es ihn, wenn er einem guten Bekannten seinen Sohn mit den Worten: „Das ist mein Kaddisch" vorstellt. Einen Lichtstrahl bedeutet es in seinem schweren Leben, sich dessen bewußt zu sein, daß „nach hundertundzwanzig Jahren", wie der Ostjude sein Lebensende bezeichnet, er hier im Diesseits nicht vergessen bleiben und des frommen Sohnes oder der Söhne Kaddisch und Mischnajot seine Seele im hellen Jenseits begleiten werden. Wie elend aber muß der sich fühlen, der dieses Glückes teilhaftig zu werden Gott nicht würdig erschien, denn „wer keine Söhne hinterläßt, dem gilt der Zorn Gottes*' (Tr. Baba Batra 116B). Nach Verlauf einiger Zeit nach der Hochzeit warten schon die Eltern des jungen Paares in banger Ungeduld, im Stillen von den ersten Zeichen des in ihr Haus eingezogenen Segens zu erfahren. Die frohe Mitteilung macht die junge Frau zuerst ihrer Mutter bzw. Schwiegermutter. Solange der Zustand der jungen Frau nicht sichtbar ist, bleibt er für alle Welt mit Ausnahme der nächsten Verwandten, aus Rücksicht auf ein „ein hara" strenge geheim. Läßt aber die erwartete Mitteilung längere Zeit, ein oder'sogar zwei Jahre, vergebens auf sich warten, dann wird das Haus von einer heimlich gedrückten Stimmung beherrscht Man sucht angstvoll nach der Ursache der Anomalie, wobei der ganze Familienkreis, insbesondere natürlich die Eltern und das Ehepaar, seelisch nicht wenig leidet. Zur Behebung des Übels werden, außer der Heranziehung ärztlichen Rates und, oft unter den größten Opfern, da für einen solchen Zweck kein *) Über Kaddisch und Mischnajotlernen in einem weiteren Aufsatz „Tod und Begräbnis".